Zum Inhalt springen

Schweiz Wenn der Schuss nach hinten losgeht

Je mehr Wölfe geschossen werden, desto mehr Nutztiere werden gerissen – zu diesem überraschenden Ergebnis kommt eine internationale Studie. Für Reinhard Schnidrig, den obersten Wildhüter der Schweiz, ist das kein Widerspruch. Gezielte Abschüsse brauche es aber trotzdem.

Geschossener Wolf auf eine Plane.
Legende: 2009 wurde im Vall d'Illiez (VS) ein Wolf zum Abschuss freigegeben. Keystone

Die Idee scheint so simpel wie überzeugend: Wo der Wolf Schaf um Schaf reisst, hilft nur ein gezielter Abschuss. Glaubt man einer neuen Studie, könnte eben dieser nach hinten losgehen. Denn Im Fachjournal «Frontiers in Ecology and the Environment», Link öffnet in einem neuen Fenster kommt ein internationales Forscherkolleg zu einem überraschenden Ergebnis: Werden mehr Wölfe abgeschossen, führt das dazu, dass schlussendlich mehr Nutztiere gerissen werden.

Was paradox klingt, überrascht Reinhard Schnidrig, den obersten Schweizer Wildhüter im Bundesamt für Umwelt, nicht: «Ich habe die Ergebnisse so erwartet», sagt der Walliser. Denn Wölfe seien in Rudeln organisiert und hätten ein ausgeprägtes Sozialleben mit klaren Hierarchien innerhalb der Gruppe. «Es braucht die Alttiere. Wenn nun das Alpha-Männchen oder Alpha-Weibchen geschossen wird, zerschiesst man letztendlich das Rudel.»

Die Folge des unbedachten Eingriffs in die wölfische Sozietät: Desorganisation und Zersplitterung des Rudels in Einzeltiere. «Und mit diesen haben wir die meisten Probleme. Mit gut organisierten Rudeln gibt es dagegen weniger Risse», so Schnidrig. Als generelle Absage an Abschüsse will er seine Ausführungen aber nicht verstanden wissen: «Es ist in der Schweiz ein politischer Auftrag, die Möglichkeit für Abschüsse zu schaffen.»

Wo es Wölfe gibt, braucht es Herdenschutz. Das ist das oberste Gebot.
Autor: Reinhard SchnidrigBundesamt für Umwelt

Diesen Auftrag nimmt der Bundesrat mit der Teilrevision des Jagdgesetzes wahr. Gestützt auf eine Motion des Bündner CVP-Ständerats Stefan Engler sollen «regulierende Eingriffe» in die Bestände ermöglicht werden, wenn grosse Schäden entstehen oder eine konkrete Gefährdung von Menschen droht. Voraussetzung für eine Abschussbewilligung ist das Versagen «zumutbarerer Präventionsmassnahmen», schreibt der Bundesrat.

Herdenschutzhunde auf einer Wiese.
Legende: «Erstes Gebot», aber kein Allheilmittel: der Herdenschutz. Keystone

Ohne Abschüsse geht es nicht

Eben diese erachtet auch Wildhüter Schnidrig für zentral für das Zusammenleben von Mensch und Wolf: «Wo Wölfe umherwandern – egal ob einzeln oder in Rudeln – braucht es Herdenschutz. Das ist das erste Gebot, wenn man nicht viele tote Schafe oder vielleicht sogar andere Nutztiere in Kauf nehmen will.» Rückenwind erhält Schnidrig von den Autoren der eingangs erwähnten Studie: Wo Herdenschutzhunde eingesetzt werden, so die Forscher, werden deutlich weniger Nutztiere vom Wolf gerissen.

Die Formel: Intensiver Herdenschutz und das Wolfsproblem ist gelöst, hält Schnidrig allerdings für zu einfach. «Auch mit der Massnahme sind Wölfe in den Kulturlandschaften unterwegs. Gerade im Winter folgen sie ihrer Hauptbeute, den Hirschen, hinunter in die Täler und tauchen vermehrt in der Nähe der Siedlungen auf.» Deswegen, schliesst Schnidrig, müsse es letzten Endes auch «einen gewissen Druck von Seiten des Menschen» geben – auch mit Abschüssen.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

37 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Werner Aeschlimann (wernz)
    Ich habs wie der Wolf. Ich mag Hammel! Wo ist das Problem?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Christian Szabo (C. Szabo)
    Die CH und unsere Nachbarn haben mit dem Umgang von ursprünglichen Wildtieren und im speziellen größeren Raubtieren extreme Mühe. Vor allem sogenannte Heger und Pfleger. Gleichzeitig verlangt Europa z.B. von Afrika, dass diese ihre Wildtiere schützen und ihnen Reservate zur Verfügung stellen. Dort verlangt man von den Landwirten, dass sie ihr Land/ihre Nutztiere mit grossem Aufwand schützen. Bei uns ist die Todesrate durch Abgänge/Unfälle der überwiegende Anteil, weil bei die Hege zu teuer ist.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Lucas Kunz (L'art pour l'art)
      Bei den Nachbarn, oder gerade bei den Italienern hat's gar keine Probleme - die werden hier künstlich aufgebauscht, damit die Kohle fliest und das jagende Volk genügend für sich hat - es hiess erst kürzlich, es hätte zu viel Dammwild ... Sogar die Schweizer Bundesregierung, oder besser Frau Leuthard glaubt noch an's Rotkäppchen oder an Peter-und-der-Wolf ....
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Beppie Hermann (Eine rechte Grüne)
    A. Moser hat dies in einer Dok am Beispiel Wildsäue doch längst bestätigt, wo eine Herde/Rotte von Hunden auseinander getrieben und zerschossen wird, besonders der Abschuss der mächtigsten Leittiere/Bachen, da zerfällt auch ihr Zusammenhalt. Jungspunde streunen haltlos herum, richten Schäden an, vermehren sich unkontrolliert usf. Von wegen hegen+pflegen... Jäger erlegen unüberlegt und mit Vorliebe die grössten Tiere ohne das Revier und die darin lebenden Wildtiergruppen überhaupt zu kennen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen