«Wer das System verstanden hat, kann es ausnützen»

Die Spitalkosten sind gestiegen. Mitschuld sind die Fallpauschalen. Das System biete Anreize zu tricksen, behauptet der Krankenkassenverband Santésuisse. Der Spitalverband H+ spricht dagegen von Einzelfällen.

Mehrere Pflegerinnen kümmern sich um ein Frühgeborenes, ein Füsschen schaut aus einer blauen Decke.

Bildlegende: Neues System, neue Tricks: Der Spitalverband H+ spricht von Einzelfällen. Keystone


Fallpauschalen: Die Krankenkassen tragen das System mit

3:18 min, aus SRF 4 News aktuell vom 11.06.2014

Der Arzt Reto Guetsch kennt das Schweizer Gesundheitssystem aus dem «Effeff». Er praktiziert seit Jahrzehnten und ist Vertrauensarzt beim Krankenkassenverband Santésuisse. Er ist überrascht, wie sehr sich der Gesundheitszustand der Bevölkerung seit der Einführung der Fallpauschale vor zwei Jahren verschlechtert hat.

«Doch solch rasche Verschiebungen in so kurzer Zeit, das kann ja kaum sein», meint Guetsch. Er vermutet deshalb, dass die Patienten in den Spitälern nur auf dem Papier immer kränker werden.

Die Zahl der Patienten mit Schlaganfällen nehme zu, gleichzeitig nehme die harmlosere Form der Streifung ab, weiss Guetsch. «Etwas Ähnliches beobachtet man bei den Blutvergiftungen, die deutlich zugenommen haben. Dafür haben Infektionen, etwa Lungenentzündungen, eher abgenommen.» Kein Wunder: Die meisten Infektionen sind leichter zu behandeln und entsprechend günstiger.

Grenzen des Möglichen ausgereizt

Guetsch und Santésuisse sprechen von einem deutlichen Trend. Diesen bestätigt auch der Gesundheitsökonom Stefan Felder von der Universität Basel: «Wenn sie einmal das System verstanden haben, können sie es ausnützen.»

Ab einem gewissen Punkt liessen sich aber keine höheren Pauschalen mehr erzielen. Das zeigten auch die Daten, so Felder: «Man beobachtet einen einmaligen Anstieg der Kosten. Und danach geht es nicht mehr so steil aufwärts wie vorher.»

Bernhard Wegmüller, Direktor des Spitalverbands H+, glaubt nicht, dass mit Hilfe des neuen Abrechnungssystems getrickst wird: «Erstens muss man nicht davon ausgehen, dass die Leute in den Spitälern grundsätzlich betrügen.»

«Spitäler machen seriöse Arbeit»

Und zweitens gebe es in der Schweiz ein Kontrollsystem, so Wegmüller. «Jedes Spital muss sich jährlich revidieren lassen, ob ihre Angaben mit den medizinischen Dokumenten der Patienten übereinstimmen, und da stellen wir keine Probleme fest.» Auf Nachfrage schränkt Wegmüller ein: «Es gibt in Einzelfällen Abweichungen. Aber übers Ganze gesehen, machen die Spitäler eine sehr seriöse Arbeit.»

Klar ist: Die Spitalkosten sind gemäss Santésuisse mit dem neuen System der Fallpauschalen um über zehn Prozent angestiegen. Noch können die Krankenkassen nicht genau beziffern, wie stark Tricksereien Schuld daran sind. Spezialisten suchen nach auffälligen Spitälern. Und klar ist auch, dass sich die Krankenkassenprämien weiter verteuern werden.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Fallpauschalen: So können Spitäler tricksen

    Aus Kassensturz Espresso vom 10.6.2014

    Mehr Transparenz und tiefere Kosten: Das versprachen Politiker und Gesundheitsexperten mit der Einführung der Fallpauschalen. «Kassensturz» deckt auf, wie Spitäler ihre Rechnungen frisieren können. Und warum sie ihre Patienten auf dem Papier kränker machen als sie in Wirklichkeit sind.

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