Wie die Schweiz syrische Flüchtlinge auswählt

Eine Familie, die vor drei Kriegen geflüchtet ist, zuletzt aus Syrien. Ein Jugendlicher, der bei einer Explosion beide Beine verloren hat. Sie leben jetzt hier. Aufgenommen im Rahmen des «Resettlement-Pilotprojekts» der Schweiz. Wie geht es ihnen? Und wie werden weitere Aufnahmebedürftige gewählt?

Syrische Flüchtlingskinder, lachend, hinter Maschendrahtzaun.

Bildlegende: Wer darf in die Schweiz kommen? Syrische Flüchtlingskinder. Reuters

Neun Millionen Syrerinnen und Syrer sind auf der Flucht vor dem Krieg in ihrem Land. Ganze Städte und Dörfer sind weitgehend zerstört, es gibt keine Anzeichen, dass die Kämpfe irgendwann aufhören werden und die Menschen sich ihr Leben wieder aufbauen können.

In solchen Situationen kennt das UNO-Hochkommissariat das sogenannte «Resettlement-Verfahren», also die dauerhafte Umsiedlung von besonders schutzbedürftigen Flüchtlingen. Die Schweiz macht da mit: Der Bundesrat hat am 4. September 2013 beschlossen insgesamt 500 besonders verletzliche Flüchtlinge in Gruppen aufzunehmen. Unter Millionen von Menschen ein paar Hundert auszuwählen, sei fast schon brutal, gibt die neue Leiterin des UNHCR-Büros für die Schweiz und Liechtenstein Anja Klug zu.

«  Es bleibt immer eine schwere Auswahl, und Sie können sich vorstellen, dass das oftmals schwierig ist, das den Leuten zu vermitteln »

Anja Klug
Leiterin des UNHCR-Büros für die Schweiz

Portrait von Anja Klug

Bildlegende: Anja Klug, die neue Leiterin des UNHCR-Büros für die Schweiz und Liechtenstein. SRF/zVg

Ihnen zum Beispiel vermitteln, dass junge Männer kaum eine Chance haben, in ein solches Projekt aufgenommen zu werden, das sei sehr schwer. Oder auszuwählen zwischen Kriegsversehrten und besonders Kriegsversehrten. Einen Platz im Schweizer Resettlement-Pilotprojekt zu ergattern ist etwa so wahrscheinlich wie im Lotto den Jackpot zu knacken.

Nur wer integrationsfähig ist, wird aufgenommen

Hat das UNHCR seine Auswahl getroffen, schaltet sich auch das Staatssekretariat für Migration SEM ein. Noch vor Ort befragen seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Flüchtlinge, ob sie sich denn überhaupt ein Leben in der Schweiz vorstellen könnten. SEM-Sprecherin Léa Wertheimer sagt, trotz immensem Leiden könne man nicht alle einfach umsiedeln in ein anderes Land. Es sei eine Abwägung, welche die Personen machen müssten. Zum Beispiel eine 70-jährige Frau, die ihr ganzes Leben in einem Dorf verbracht und es kaum verlassen hat.

«  Die Entscheidung, noch weiter wegzugehen, die Heimat wirklich hinter sich zu lassen, seine Verwandten, seine engsten Bezugspersonen hinter sich zu lassen, das ist ein grosser Schritt »

Léa Wertheimer
SEM-Sprecherin

Und es gebe tatsächlich Menschen, die diesen Schritt nicht mehr machen können, nicht machen wollen. Auf solche Gefühle müssten sie Rücksicht nehmen, denn das Projekt sei gedacht für Menschen, die dauerhaft hier bleiben und sich hier integrieren wollen.

Portrait Léa Wertheimer

Bildlegende: Die Sprecherin des Staatssekretariats für Migration SEM, Léa Wertheimer. SRF/zVg

Traumabehandlung, Kulturschock und Betreuung

Rund 200 Menschen sind im Rahmen des Pilotprojekts bereits in die Schweiz gekommen. Sie leben in verschiedenen Kantonen und werden eng betreut. Einige brauchen erst medizinische Betreuung, viele sind kriegsversehrt, die meisten auch schwer traumatisiert vom Erlebten.

Sie leben zuerst in einer Kollektivunterkunft. Dort werden sie eng betreut von einem Coach, der mit ihnen einen Integrationsplan ausarbeitet. Dieser beinhaltet unter anderem, mögliche Arbeitsorte, Ausbildung, Sprachkurse und Frühförderung für die Kinder.

Léa Wertheimer staunt, wie hoffnungsvoll diese Menschen trotz ihrem Leiden seien. Heute ziehen Bund und Kantone eine erste Zwischenbilanz. Und das UNHCR verfolgt das Pilotprojekt interessiert. Denn: das Projekt zeigt auch auf, welche Integrationsmassnahmen auch bei anderen Flüchtlingen nützen könnten oder eben nicht.