Wie Kröten und Vögel vom Wettbewerb der Naturlabel profitieren

Lebensmittel aus nachhaltiger Landwirtschaft sind gefragt. Die Grossverteiler haben verstanden, dass sich mit solchen Produkten gutes Geld verdienen lässt. Positiver Nebeneffekt: Die Konkurrenz zwischen Migros und Coop und ihren Naturlabels hat durchaus positive Folgen für die Artenvielfalt.

Bauern, die auf die so genannte integrierte Produktion setzen, werben für sich auf Plakaten mit Fröschen, Kröten und seltenen Vögeln. Aber genau diese Tiere sind kaum mehr zu sehen auf Schweizer Äckern. Ein fauler Werbezauber also?

Keineswegs, sagt Markus Jenny von der Vogelwarte Sempach. Denn die Hälfte dieser so genannten IP-Suisse-Bauern habe ihre ökologischen Ausgleichsflächen massiv aufgewertet. «In diesen rund 9000 IP Suisse-Betrieben wurden seit 2010 rund 53 Quadratkilometer neue wertvolle Flächen angelegt – eine immense Zahl», erklärt Jenny. «Wir hätten das nie erwartet.»

Das ausgeklügelte Punktesystem, das die IP-Suisse-Bauern erfüllen müssten, um ihre Produkte anschliessend unter dem Label «Terrasuisse» an die Migros verkaufen zu können, bewähre sich. So sei die Vielfalt an Tagfaltern, Brutvögeln und Pflanzen bei den Betrieben mit hohen Punktzahlen deutlich höher.

IP Suisse-Siegel an einer grossen Holztüre

Bildlegende: IP Suisse-Siegel: Mit Produkten aus nachhaltiger Landschaft lässt sich gutes Geld verdienen. Keystone

Geboren wurde das Label aus der Not. Denn die Migros hatte den Bio-Boom im Unterschied zu Coop verschlafen und die IP-Suisse-Bauern hatten mit ihrem schwammigen Programm im Unterschied zu den Biobauern ebenfalls ein Image-Problem. Deshalb musste für die Migros ein neues Label her: «Terrasuisse» – verbunden mit gezielter Förderung der Artenvielfalt auf Äckern und Wiesen.

Längst nicht mehr nur eine Nische

Eine lohnende Sache, sagt Jürg Maurer, der stellvertretende Leiter für Wirtschaftspolitik bei der Migros. «Wir sprechen hier nicht von einer kleinen Nische», sagt er. «Wir sprechen von 650 Millionen Franken Umsatz, die wir im vergangenen Jahr mit diesem Label gemacht haben.»

Aber der Anfang vor acht Jahren war hart, viele Bauern gaben schnell wieder auf. Steinhaufen am Ackerrand für die Eidechsen, lückenhaft gesähte Weizenfelder für die Feldlerchen – das ging ihnen zu weit. «Am Anfang gab es wirklich viele Diskussionen», bestätigt auch Fritz Rothen, der Geschäftsführer von IP Suisse. Aber: «Wir hatten das erwartet, wenn auch vielleicht nicht ganz in diesem Ausmass.»

Unterdessen macht die Hälfte der IP-Bauern beim neuen Label mit. Sie haben einen garantierten Absatz, leicht höhere Preise und durch die guten Noten der Vogelwarte auch einen beträchtlichen Imagegewinn.

Bio Suisse-Label auf einem Bauernhof mit frei laufenden Hühnern

Bildlegende: Bio Suisse-Label auf einem Bauernhof: Die Konkurrenz der verschiedenen Label hat positive Folgen für die Artenvielfalt Keystone

Bio-Bauern in Erklärungsnot

Die Bio-Bauern auf der anderen Seite geraten jetzt in Erklärungsnot: Wer tut nun mehr für die Artenvielfalt auf den Äckern? Die Unterschiede zwischen Bio- und IP-Suisse-Bauern seien gar nicht so gross, sagt Daniel Bärtschi, Geschäftsführer von Bio Suisse. «Auch die IP-Bauern machen einen guten Job.» Gesamthaft betrachtet leiste aber der Bio-Landbau als System mehr für die Artenvielfalt.

Die Bio-Bauern schneiden also grundsätzlich besser ab, weil sie ganz auf chemische Spritzmittel verzichten und den Boden schonender pflegen. Trotzdem fühlen sich die Schweizer Bio-Bauern durch die IP-Bauern herausgefordert. Sie wollen ihre Naturnähe deshalb mit weiteren, gezielten Massnahmen zur Artenförderung unterstreichen, die ab 2015 auch obligatorisch kontrolliert werden sollen.

Der Wettbewerb funktioniert also, nicht nur zwischen Migros und Coop, sondern auch zwischen IP Suisse und Bio Suisse. Und für einmal profitieren auch Kröten, seltene Vögel und Ackerunkräuter, die sonst im harten Agrarbusiness meist unter die Räder kommen.

Integrierte Produktion (IP)

Allgemein versteht man unter integrierter Produktion (IP) eine naturnahe und tierfreundliche Landwirtschaft. IP-Bauern bemühen sich um Anbaumethoden, die die Umwelt möglichst wenig belasten. Beispielsweise verzichten sie auf chemisch-synthetische Stoffe in der Düngung. Allerdings sind die Vorschriften für sie weniger streng als die für Bio-Bauern.