Wie rassistisch ist «Mohrenkopf»?

Der «Mohrenkopf» in der Konditorei, das Abbild eines Schwarzen auf dem Wirtshausschild, die «kleinen Negerlein» im Kinderbuch: Noch vor ein paar Jahrzehnten waren diese Symbole in der Schweiz gang und gäbe. Unterdessen hat sich das Verständnis politischer Korrektheit gewandelt.


Debatte um «Mohrenkopf und Co.»

5:24 min, aus Rendez-vous vom 15.08.2014

Celeste Ugochukwu kam vor über 20 Jahren aus Nigeria in die Schweiz, um Jurist zu werden. Er blieb hier und gründete eine Familie. Heute berät er Migranten und ist Präsident der afrikanischen Gemeinschaft in der Schweiz. Ugochukwu erinnert sich gut an seine erste Begegnung mit einem «Mohrenkopf».

Es war in einer Konditorei in Freiburg. Ein kleines Mädchen bestellte ein solches Gebäck und schämte sich, als sie den Mann dunkler Hautfarbe hinter sich stehen sah. «Sie war ganz rot geworden und hat sich bei mir entschuldigt.» Er habe erst gar nicht gewusst, warum sie sich bei ihm entschuldigt habe. Sie habe ihm erklärt, was «Mohrenkopf» eigentlich bedeute. Das sei für ihn kein Problem, habe er gesagt, denn es gehöre zu der Geschichte. Er esse dieses Schokogebäck übrigens sehr gerne, egal wie man es nenne.

Geschichte schlägt sich nieder

Der Afrikaner Ugochukwu hat ein unverkrampftes Verhältnis zu der Debatte, ob man noch «Mohrenkopf» sagen darf und ob ein Wirtshausschild mit dem Gesicht eines Schwarzen rassistisch sei. Selbst wenn sich dahinter meist die Geschichte der Sklaverei und des Kolonialismus verbirgt: «Die Sklaverei zum Beispiel war eine Tatsache, die zu einer Zeit gehört. Ich finde, es ist ein Zeichen für ein Minderwertigkeitsgefühl, wenn ein Afrikaner denkt, dass alle afrikanischen Symbole in Europa einen negativen Hintergrund haben und dass man sie einfach so abschaffen soll.»

Patricia Purtschert forscht an der ETH Zürich über die postkoloniale Schweiz. Die Philosophin fordert eine kritischere, eine sensiblere Diskussion über die Verwendung von rassistischen Symbolen. «Es ist schon anzunehmen, dass der Einfluss einer rassistischen und kolonialen Kultur sich auf diese Symbole und Bilder ausgewirkt hat. Anstatt gleich die Diskussion abzublocken, müsste man hier die Diskussion eben führen und Fragen stellen.»

Kaffee wurde umbenannt

Was ist korrekt und was nicht? In der Schokoladen, Kaffee- und Orangenwerbung verzichtet man schon lange auf die stereotypen und dümmlichen Witzfiguren, unterwürfiger Schwarzer. Vor ein paar Jahren änderte eine Luzerner Kaffeerösterei nach 160 Jahren den Namen ihres «Negerlikaffees». Er geht heute als «Hauskaffee» über den Ladentisch.

Auch der Besitzer des Café «Mohrenkopf» in Zürich ist immer wieder hin-und hergerissen. Mischa Dietrich möchte die jahrzehntelange Erfolgsgeschichte des Lokals nicht einfach so hergeben. Es stört ihn, dass der Name seines Lokals mehr zu reden gibt, als die Qualität seiner Produkte. «Es ist für das Geschäft nicht nur förderlich, wenn jeder Medienbericht sich nur auf den Namen stürzt und nicht über das gute Essen oder den guten Kaffee schreibt.»

Keine klare Regel

Die Menschen hätten gerne eine klare Regel, was rassistisch ist und was nicht. Doch die gebe es nicht, heisst es bei der eidgenössischen Kommission gegen Rassismus. Wenn sich jemand beim Eingang eines Freizeitparks an den halbnackten Afrikanern mit Baströckchen stösst, oder wenn jemand wegen der Figur eines schwarzen Dieners am Karussel reklamiert, landen solche Meldungen bei Doris Angst. Angst ist Geschäftsführerin der Rassismuskommission und häufig mit Meldungen über angeblich rassistische Symbole konfrontiert.

Sie findet aber, die Jagd nach rassistischen Abbildungen lenke zu sehr ab vom Rassismus im Alltag. «Wir müssen aufpassen, dass wir mit solchen Dingen nicht ablenken von der wirklichen und tatsächlichen Diskriminierung im Alltagsleben, denen Menschen mit dunkler Hautfarbe ausgesetzt sind, sei es auf dem Arbeitsmarkt, sei es auf dem Wohnungsmarkt.»

Das findet auch Ugochukwu. Ihm hätten die Symbole aus seiner Heimat, Zebu, auf Schweizer Wirtshäusern geholfen die Geschichte von Afrika in Europa besser zu verstehen. «Man darf nicht alles, was es hier in Europa vom schwarzen Kontinent gibt, als negativ bezeichnen. Ich bin eher froh, dass ich die Geschichte kenne. Das hilft, einige Reaktionen besser zu verstehen.»