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Schweiz Wie Schweizer Atommüll im Atlantik verschwand

Der jüngste Fund von Atommüllfässern im Ärmelkanal erinnert an alte Entsorgungssünden der Schweiz: Jahrelang wurde schwach- und mittelradioaktiver Müll einfach im Atlanrtik versenkt. In der «Rundschau» streiten die damaligen Verantwortlichen und Atomgegner über das Gefahrenpotenzial.

Legende: Video Atommüll ins Meer abspielen. Laufzeit 08:39 Minuten.
Aus Rundschau vom 12.06.2013.

7420 Fässer mit einem Gewicht von 5321 Tonnen hat die Schweiz an drei Standorten im Atlantik versenkt. Dies hält ein Inventar der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA fest. Die Schweiz kommt  mit ihrer umstrittenen Entsorgungsstrategie im Atlantik auf den unrühmlichen Platz zwei hinter Grossbritannien.

Kein Problem damit hat der damalige Chef des Bundesamtes für Energie, Eduard Kiener. Auf die Frage der «Rundschau», ob er ein schlechtes Gewissen habe, sagt er: «Nein.» Kiener leitete das Amt 1977 bis 2001.

Ein deutsches Filmteam spürte kürzlich im Ärmelkanal sowohl intakte als auch schwer lädierte Fässer mit Atommüll auf. Ein unbemannter Tauchgang dokumentierte die Deponie in einer Tiefe von lediglich 125 Metern. Die Schweizer Verantwortlichen sind überzeugt, dass kein Schweizer Müll im Ärmelkanal landete.

Seit 1993 verboten

Die Verklappung von Schweizer Fässern mit schwach- und mittelradioaktivem Material begann 1969.

Spektakuläre Aktionen der Umweltorganisation Greenpeace lenkten die öffentliche Aufmerksamkeit zunehmend auf diese Entsorgungsstrategie, bis sie 1993 verboten wurde. «Es war eine der wirkungsvollsten Aktionen, die Greenpeace je machte», sagt Stefan Füglister, der Atomexperte des Kampagnenforums. Füglister war in den 90er Jahren für Greenpeace Schweiz aktiv.

Zahlreiche Länder, darunter Seefahrer-Nationen wie Spanien, Portugal, Irland protestierten Anfang der 80er Jahre gegen die Atommüll-Verklappung, die vor allem von Grossbritannien favorisiert wurde. Mit einem Anteil von zehn Prozent aller im Atlantik versenkten Fässer steht das Binnenland Schweiz hinter den Briten an zweiter Stelle.

Streit über Risiken

Im Auftrag der Nagra beteiligte sich der Westschweizer Ozeanologe François Nyffeler an einer internationalen Mission, die in den 80er Jahren das Gefahrenpotential im Atlantik erkunden sollte. In der Tiefe von rund 4000 Metern an den gewählten Standorten seien die Risiken «praktisch inexistent», befindet der Wissenschaftler auch heute noch.

Dagegen hält Nyffeler die Deponien im Ärmelkanal für problematisch. In der seichten Lage sei die Strömung aktiv und der direkte Kontakt zur Biosphäre gegeben. Mehr könne man allerdings nur sagen, wenn man die Fässer genauer überprüfen würde.

Eine solche «Aus den Augen, aus dem Sinn»-Praxis sei aus heutiger Sicht «einfach skandalös», sagt der der ETH-Geologe Marcos Buser. Zwar stelle die Versenkung schwach- und mittelradioaktiver Abfälle heute wohl keine unmittelbare globale Gefahr dar. Lokal im Atlantik dagegen sehe es anders aus, sagt er in der «Rundschau».

 «Es erodiert vor sich her, es gibt Korrosion im salzhaltigen Meer und es gibt biologische Aktivität. Und diese drei Faktoren führen dazu, dass das Inventar irgendwann freigesetzt wird. Ob das nach ein paar Jahrzehnten oder nach ein paar Jahrhunderten sein wird, müsste man untersuchen.» 

 

 

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8 Kommentare

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  • Kommentar von Gabi Bossert, Safenwil
    " Die CHer Verantwortlichen sind überzeugt, dass kein CHer Müll im Ärmelkanal landete." ?, welche Verantwortlichen ? Für radioaktiven Müll kann Niemand Verantwortung übernehmen. Aber sie sprechen auch nur von " Müll ", den haben wir sicher selbst entsorgt. Eine kühne Behauptung von Ihnen, @ Urs Bürkli, " tatsächlich stellen die im tiefen Meer versenkten Abfälle keine Gefahr..etc.dar..." Radioaktive Abfälle sind in jedem Fall eine Risikogefahr auf Zeit für die Umwelt.WIE tief liegt denn der Müll?
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    1. Antwort von R. Trösch, Seeland
      Sie fragten wie tief der Müll im Ärmelkanal liegt? Läppische 124 Meter! Siehe www.arte.tv/guide/de/046923-000/versenkt-und-vergessen‎ Wenn die Verklappungsfrachter das Zielgebiet wegen schlechtem Wetter nicht schnell genug erreicht werden konnte, wurden die Fässer an Ort und Stelle versenkt, um die Strahlendosis der Schiffsmannschaft nicht zu überschreiten. Es ist eine Schande!
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  • Kommentar von Hagou Hans, Bienne
    Mr Kiener muss für diese riesige Verantwortung, wirklich kein schlechtes Gewissen haben und entschädigt ist er hoffendlich auch ordentlich dafür, wie üblich in demoktratischen Ländern... "im Fall zahlt aber das Volk!" Sollte alles mal in die Luft gehen, denkt man sicher nicht an Mr Kiener. Aktuelle RadioaktivBerfürworter strahlen weiter mit besten Ausreden! Montieren wir die christlichen Weihnachtsbeleuchtungen, in einem halben Jahr ist Advent! Der Mensch ist ein fieses Lebewesen!
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    1. Antwort von Urs Bürkli, Zofingen
      Lieber Herr Hagou Tatsächlich stellen die im tiefen Meer versenkten Abfälle keine Gefahr für Mensch und Umwelt dar. Dies wird auch so bleiben. Wenn Sie heute etwas für die Umwelt tun möchten, dann wehren Sie Sich gegen die Sondermülldeponien in China, in denen Schwermetallabfälle die bei der Produktion von Solarzellen in China entstehen endgelagert werden und dort die Umwelt belasten. Übrigens: Radioaktive Abfälle gehen nicht "in die Luft". Das ist weder chemisch noch physikalisch möglich.
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    2. Antwort von Hagou Hans, Bienne
      Herr Bürkli suchen sie nicht zu weit weg, in Ihrer Nähe, in Kölliken geht auch zwischendurch was "in oder an die Luft", was einmal von "Verantwortlichen" als sicher verharmlost wurde! und wer zahlt dieses "wunderbare Stadion" an der A1, im Unterhalt!
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    3. Antwort von andre piquerez, ebikon
      alle die sagen, dass das versenken der Fässer in 4000 m unbedenklich sind sind ignoranten - da unten herrscht ein verdammt grosser druck der dauernd auf die Fässer einwirkt und das salzwasser ... irgendwann werden die Fässer auslaufen und dann vermischt es sich...auch wenn die Konsequenzen nicht so übel wären, es wäre sicher eine lokale Veränderung für die Tiere...
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  • Kommentar von C.E.C.Yeager, Schweiz
    Fakt ist: Selbst Mond & Mars sind besser erforscht als unsere Ozeane. Eine Aussage eines Wissenschaftlers zu lesen, welche aussagt "Risiken sind «praktisch inexistent»" und auf einer Handlung basiert, welche an eine gewisse «Aus den Augen, aus dem Sinn»-Praxis errinnnert, finde ich doch sehr erstaunlich.
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    1. Antwort von Urs Bürkli, Zofingen
      Geschätzte(r) C.E.C. Yaeger Es ist nicht nötig, den Meeresgrund zu erforschen, um das Risiko dieser Fässer abzuschätzen. Es genügt zu wissen, wie tief die Abfälle lagern. Allerdings bin ich auch der Meinung, dass es richtig war, auf die Meeresversenkung der Radioaktiven Abfälle zu verzichten. Nicht aus sicherheitstechnischen Gründen, sondern weil es sich einfach nicht gehört.
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