Winterthur und die Dschihad-Jugendlichen

Sie suchen ihr Glück im Krieg: Vier Jugendliche aus Winterthur sind offenbar nach Syrien gereist, um sich der Terrormiliz IS anzuschliessen. Die Stadt reagiert – und setzt auf Prävention in der Schule.

IS-Plakate an einer Strasse in Rakka, Syrien.

Bildlegende: Plakate der Terrormiliz IS im syrischen Rakka, das von IS kontrolliert wird. Reuters

Der jüngste Fall aus Winterthur: Es geht um einen 18-Jährigen Schweizer mit italienischen Wurzeln. Er soll zum Islam konvertiert sein. Im Februar verschwand er. Offenbar reiste er nach Syrien, um sich der Terrormiliz Islamischer Staat anzuschliessen.

Bereits seit Dezember wird in Winterthur zudem ein Geschwisterpaar vermisst. Auch der 16-Jährige Junge und das 15-Jährige Mädchen sollen sich in Syrien befinden. «20 Minuten» schreibt zudem, im Januar sei ein weiterer junger Mann bei einem Luftangriff auf Kobane getötet worden. Auch er kommt aus Winterthur.

Gleich vier Jugendliche aus Winterthur, die in den Dschihad gezogen sind: Nun haben die Behörden reagiert. Konkret die Schule. Denn weitere junge Leute gelten in Winterthur als gefährdet. «Wir müssen in der Schule alles daran setzen, dass wir Jugendliche vor dem Dschihad und vor Extremismus warnen und davon abhalten können», sagt der Winterthurer Schulvorsteher Stefan Fritschi.

«  Das sind soziale Waisenkinder. »

Samuel Althof
Leiter der Fexx

Dafür arbeitet Winterthur mit der Fachstelle für Extremismus- und Gewaltprävention (Fexx) zusammen. Deren Leiter ist Samuel Althof. Er beschäftigt sich schon länger mit gefährdeten Jugendlichen. Wer sich radikalisiere, sei oft sehr verunsichert und habe kaum belastbare Beziehungen. «Das sind soziale Waisenkinder», sagte er gegenüber Radio SRF.

Sie seien von ihren Eltern ganz oder teilweise verlassen, auch wenn sie mit ihnen zusammenleben. Auch die Kontakte in der Schule oder am Arbeitsplatz seien defizitär. Diese Menschen würden dann in radikalen Gruppierungen Halt suchen. Hier, so Samuel Althof, könnten auch die Moscheen mehr machen. Dort fehle es meist an einer ernstzunehmenden Jugendarbeit.

Hauptverantwortung bei den Eltern

Über soziale Medien und einschlägige Internetseiten versucht Samuel Althof, mit gefährdeten Jugendlichen in Kontakt zu treten. Internet-Streetworking nennt er das. Zudem bezieht der Präventionsexperte auch das Umfeld der Jungen und Mädchen mit ein. Das ist ganz im Sinne der Schule. Der Winterthurer Schulvorsteher Fritschi sagt klar, die Hauptverantwortung liege nicht bei der Schule, sondern bei den Eltern.

Warum sich gerade in Winterthur mehrere Jugendliche radikalisiert haben, ist schwer zu sagen. Fexx-Leiter Samuel Althof stellt aber klar: «Man kann nicht davon ausgehen, dass die Jugendlichen in Winterthur strukturell angeworben werden.» Es gehe um vier Fälle, davon zwei aus derselben Familie. «Das sind schlimme Geschichten im Einzelnen, aber man muss die Proportionalität wahren.»

Recherchen des «Tagesanzeigers» haben allerdings ergeben, dass mindestens zwei der jungen Leute in denselben Kreisen verkehrten. Möglich wäre auch, dass die umstrittene Koranverteil-Aktion «Lies!» bei der Radikalisierung eine Rolle spielte. Die europaweite Kampagne hat das Ziel, Nichtmuslime zu missionieren. In verschiedenen Ländern wird der Koran deshalb gratis verteilt, auch in der Schweiz, auch in Winterthur.

(SRF Regionaljournal, 17.30 Uhr, 26.3.2015)

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60 Schweizer Dschihadisten

Der Fachstelle für Gewaltprävention in Zürich sind keine Fälle von Jugendlichen bekannt, die sich radikalisiert haben. Für Aufsehen sorgte der Fall eines Thurgauers, der nach Syrien reiste und dort seine Frau und das gemeinsame Baby festhalten soll. Für die ganze Schweiz rechnet der Nachrichtendienst des Bundes mit gut 60 Dschihad-Reisenden.