«Wir Frauen wurden auf Händen getragen»

Sie erlebte den Weg zur Gleichstellung hautnah: Marianne Kleiner war 1994 eine der ersten beiden Frauen, die im Kanton Appenzell Ausserrhoden in die Regierung gewählt wurden. 1997 übernahm die Freisinnige dann als erste Frau das Amt des Landammanns. Ihr Blick zurück.

Frau steht lachend inmitten behüteter Männer.

Bildlegende: Marianne Kleiner im Jahre 1997 – kurz nach ihrer Wahl zur Frau Landammann Ausserrhodens (Archivbild). Keystone

Es hat gedauert – und wie: Erst am 30. April 1989 gestanden die Männer Appenzell Ausserrhodens an der Landsgemeinde ihren Frauen das Stimmrecht zu, als zweitletzter Kanton der Schweiz. Einzig Appenzell Innerrhoden tat sich noch schwerer mit der Frage, inwiefern das weibliche Geschlecht in politischen Belangen mitzureden hat. Dort musste der Bund 1990 gar ein Machtwort sprechen und das Frauenstimmrecht zwangsweise einführen, unter lautstarkem Protest und entgegen eines Mehrheitsentscheides der Männer.

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Innerrhoder Landsgemeinde stimmt gegen das Frauenstimmrecht (A...

0:21 min, vom 26.11.2010

Doch zurück zu Appenzell Ausserrhoden, wo alles plötzlich sehr schnell ging. Die Gleichstellung habe eine längst fällige Entwicklung rasant vorangetrieben, sagt die Ausserrhoder Alt-Nationalrätin Marianne Kleiner (FDP). Ein regelrechter Dammbruch sei es gewesen. Gleich zwei Frauen wählte die Landsgemeinde des Halbkantons 1994 in die Regierung: Marianne Kleiner und Alice Scherrer. «In der ganzen Schweiz hatte man uns als rückständig angesehen, und auf einen Schlag waren wir der erste Kanton mit zwei Regierungsrätinnen im Amt.»

Die Gunst der Stunde

Geradezu destiniert schien Kleiner zu Beginn nicht für diese Pionierrolle. Politische Erfahrung hatte sie – wie jedoch die meisten potentiellen Kandidatinnen – keine vorzuweisen. Der Partei trat sie gerade mal zwei Monate vor der Nominierung bei.

Zwar hatte sie sich einst für den Kantonsrat beworben, war dabei aber parteiintern erfolglos geblieben. Doch sie nutzte die Gunst der Stunde: Bei einem Auftritt vor den Delegierten der kantonalen FDP liess Kleiner sowohl eine weitere Mitbewerberin wie auch zwei Männer klar hinter sich. «Da wurde mir klar: Es ist tatsächlich möglich.» Sie habe während des Wahlkampfs allerdings immer wieder betont, dass unbedingt zwei Frauen gewählt werden müssten: «Um das rückständige Image des Kantons zu korrigieren.»

«  Plötzlich wurde mir klar: Es ist möglich.  »

Marianne Kleiner
Alt-Regierungsrätin

Nach ihrer Wahl erhielt die studierte Psychologin Kleiner die Finanzen zugeteilt, eine Männerdomäne sondergleichen. «Natürlich spürte ich, dass ich als allererste Finanzdirektorin eine ganz spezielle Position einnahm.» Ihre Regierungskollegen hätten sich aber niemals despektierlich verhalten. «Sie haben es Alice und mir leicht gemacht: Wir wurden auf Händen getragen.»

Porträt von Nationalrätin Kleiner (2009)

Bildlegende: Von 2003 bis 2011 sass die Ausserrhoderin Marianne Kleiner als Nationalrätin im Parlament. Keystone

Der Zweifler, der sich belehren liess

Wenn, dann kamen kritische Stimmen eher aus dem Volk. Es gab «ganz wenige Leute», die geradezu darauf warteten, dass sich das neu gewählte Frauen-Duo einen Fehltritt leistet. Zumindest einen dieser Zweifler konnte Kleiner eines Besseren belehren, wie sie sich mit Freude zurückerinnert. So war ein Mann nach ihrer Wahl zur Regierungsrätin dermassen wutentbrannt, dass er vom Platz stürmte. Als sie ihn Jahre später wiedertraf, zeigte er sich «zufrieden», was wohl als grosses Lob gewertet werden darf.

1997, vor ihrer Wahl zur Frau Landammann und damit zur ersten Regierungspräsidentin von Appenzell Ausserrhoden, war Marianne Kleiner dann schon wesentlich optimistischer. In den drei Jahren als Regierungsrätin habe sie sich etablieren und Vertrauen gewinnen können. Wahlkampf führte sie gar keinen mehr. Offenbar zu Recht: Gereicht hat es ohnehin.

Der andere Blickwinkel

Rückblickend sagt Kleiner: «Weder als Finanzdirektorin noch als Landammann: Ich hatte nie das Gefühl, dass gegen mich als Frau opponiert wird.» Ohne Frage habe sie die Tatsache, weiblichen Geschlechts zu sein, jedoch überhaupt in diese Schlüsselpositionen gebracht. «Die Zeit der Frauen war einfach gekommen.» Dennoch schwingt Stolz in ihrer Stimme mit, wenn sie darüber sinniert, dass es inzwischen eine Normalität ist für Frauen, jedwelche politischen Ämter auszuüben.

«  Symbolisch konnten wir einiges bewirken. »

Marianne Kleiner
Alt-Nationalrätin FDP

Mittlerweile ist der Kanton allerdings in Bundesbern wieder ausschliesslich durch Männer vertreten, wie Kleiner bedauert. Es sei wichtig und richtig, wenn sich beide Geschlechter gleichermassen in der Politik betätigten. «Ich habe immer gesagt: Frauen sind nicht die besseren Menschen – aber sie sehen die Welt aus einem anderen Blickwinkel.»