Wird Bellinzona am Wochenende zur zehntgrössten Stadt?

Sagen die Stimmbürger am nächsten Sonntag Ja, geschieht in der Region Bellinzona Historisches: Dann fusionieren 17 Gemeinden zur zehntgrössten Stadt der Schweiz. Es ist eine der ehrgeizigsten Gemeindefusionen, die in der Schweiz je stattgefunden haben. Doch bereits regt sich Widerstand.

Eine Luftaufnahme von Bellinzona.

Bildlegende: Bellinzona wird die erste Neat-Haltestelle im Tessin. Keystone

Die Wände sind aus Holztäfer und Waschbeton, die 80 Furnierholz-Sessel haben schon manche Versammlung hinter sich. Willkommen im Gemeindesaal von Preonzo, zum Informationsabend über die Gemeindefusion. Mario Branda ist der Stadtpräsident von Bellinzona, er macht den Auftakt mit seinem zentralen Argument.

Neat Grund für Fusionspläne

Tatsache sei: In den vergangenen 15 Jahren habe sich im Tessin vieles verändert, erklärt Branda. Das Sottoceneri sei viel stärker und dynamischer geworden und dorthin fliesse das Geld. Das Sopraceneri müsse sich zusammentun, brauche ein starkes urbanes Zentrum. Bellinzona werde die erste Neat Haltestelle im Tessin. Das war der Anstoss zum aktuellen Fusionsprojekt.

Die Eröffnung des Gotthard Basistunnels biete Chancen, sagt Branda. Doch um die zu packen, brauche es Institutionen, die stärker und kompetenter seien als heute. Darum die Fusion.

Effizienz durch Fusion nicht grösser

Die Versammlung in Preonzo wird erst um elf Uhr nachts zu Ende sein. Unbestritten ist: Die Region hat unter den Raumplanungsfehlern der Vergangenheit gelitten. Eine Fusion würde da Abhilfe schaffen. Aber es gibt auch Widerspruch, zum Beispiel von Graziano Pestoni.

Eine Gemeinde baue auf Effizienz, Demokratie und Bürgernähe, analysiert er. Doch die Effizienz im fusionierten Bellinzona werde nicht grösser. Demokratischer werde das neue Bellinzona auch nicht und schon gar nicht bürgernah.

Aus Gemeinden würden Quartiere ohne Stimme

Den Politikern geht es nur um den Machtzuwachs argwöhnt Alberto Poli. Er vertritt den Verein für Gemeindeautonomie. Aus den heutigen Gemeinden werden Quartiere und die hätten im neuen Bellinzona nichts zu sagen.

Preonzo hat 600 Einwohner, in der Gemeinderegierung wie im Parlament gibt es nur eine Partei, die FdP. Francesco Genazzi ist Parlamentsvorsitzender.

Es ist nicht leicht, in kleinen Gemeinden Bürger zu finden, die öffentliche Ämter übernehmen sagt er. Die letzten Wahlen in Preonzo waren stille Wahlen, weil nur die FdP angetreten ist. Nur eine Partei – «Ist denn das Demokratie?», fragt Genazzi.

«  Wer zur Fusion nein sagt, will dass alles bleibt wie es ist, übernimmt aber keine Verantwortung. »

Fabio Pasinetti
Gemeindepräsident in Preonzo

Bergsturz könnte alles ändern

Fabio Pasinetti ist Gemeindepräsident in Preonzo. «Unserer Gemeinde geht es gut» sagt er. Aber jederzeit kann der Absturz kommen.

Schon morgen kann sich die geologische Situation ändern. Pasinetti meint damit den grossen Bergsturz, der das Industriegebiet von Preonzo direkt bedroht. Und er denkt an jene Firma, die gleich 70 Prozent aller Steuern bezahlt. Zieht die weg, muss Preonzo seine vier Angestellten entlassen. «Wer zur Fusion nein sagt, will dass alles bleibt wie es ist, übernimmt aber keine Verantwortung.»

Die Fusions-Befürworter klatschen, wenn Pasinetti redet. Die Gegner werden immer heftiger, wenn sie von Demokratiemangel und Heimat reden. Die ersten, die von Gemeindefusion in Bellinzona redeten, sind längst pensioniert. Die Diskussion ist über 50 Jahre alt.