Wirtschaftskriminalität floriert in der Schweiz

Schweizer Gerichte haben im letzten Jahr mehr als 90 grosse Fälle von Wirtschaftskriminalität behandelt. Das sind so viele wie nie zuvor. Der Gesamtschaden fiel mit 280 Millionen Franken vergleichsweise tief aus. Der Grund: In den Jahren zuvor haben einige sehr grosse Fälle Schlagzeilen gemacht.

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Bildlegende: Die von Wirtschaftskriminalität betroffenen Firmen bringen längst nicht alle Fälle vor Gericht. Keystone

Insgesamt ist die Zahl grosser Wirtschaftskriminalfälle im vergangenen Jahr auf 91 gestiegen. Das ist der höchste Stand, seit die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft KPMG im Jahr 2008 mit der systematischen Erhebung begonnen hat.

Noch 2014 waren 77 grosse Fälle von Wirtschaftskriminalität von Schweizer Gerichten behandelt worden.

Im Schnitt 3 Millionen Franken pro Fall

Auf der anderen Seite nahm das Schadensvolumen gegenüber dem Vorjahr deutlich ab: von 537 Millionen auf 280 Millionen Franken. Die durchschnittliche Schadenssumme lag bei 3 Millionen Franken pro Fall.

Das ist allerdings nur die Spitze des Eisbergs. Denn die von Wirtschaftskriminalität betroffenen Firmen bringen lange nicht alle Fälle vor Gericht.

Vermeintlicher Widerspruch lässt sich erklären

Das vermeintlich doppeldeutige Bild von mehr Fällen, aber geringerer Schadenssumme lässt sich laut KPMG dadurch erklären, dass die Ergebnisse der Vorjahre teils durch einige wenige, extrem grosse Fälle verzerrt wurden. Deren Schaden belief sich auf über 100 Millionen Franken.

Zudem habe sich in den letzten Jahren die öffentliche Wahrnehmung bezüglich Betrugs-, Erpressungs- und Korruptionsfälle erhöht, teilte KPMG weiter mit. Dies hat das Bewusstsein für diese Thematik auch unternehmensintern geschärft und bewirkt, dass heute wesentlich mehr Massnehmen zur Betrugsprävention eingesetzt werden.

Cyberkriminalität

Bildlegende: Gewerbsmässige Betrüger sind nur für einen Fünftel aller Fälle von Wirtschaftskriminalität verantwortlich Keystone

Vorwiegend interne Täterschaft

In knapp 40 Prozent der Fälle waren entweder Angestellte oder Führungskräfte die Täter. Damit ist der Gesamtanteil der internen Täter leicht rückläufig.

Jedoch zeigte sich in den letzten Jahren eine Verschiebung von Führungskräften hin zu Angestellten als Täter. «Eine wesentliche Gefahr für Firmen, Opfer eines Betrugs zu werden, geht weiterhin von internen Tätergruppen aus», hiess es weiter.

Die zweitgrösste Tätergruppe sind Sonstige, etwa Rechtsanwälte oder Finanzberater (in 36 Prozent der Fälle). Gewerbsmässige Betrüger sind lediglich für einen Fünftel aller Fälle von Wirtschaftskriminalität verantwortlich.

Gefährdet: Reiche Privatpersonen

Stark gewachsen ist die Gruppe 'Sonstige Opfer', die einen Gesamtschaden von 182 Millionen Franken erlitten. Unter diese Kategorie fallen Privatpersonen, Wohltätigkeits- und nichtstaatliche Organisationen.

Insbesondere wohlhabende und gleichzeitig in einem Abhängigkeitsverhältnis stehende Personen würden ein beliebtes Ziel abgeben.

«  Da kommerzielle Organisationen ihre Präventionsmassnahmen erhöht haben, könnte es für Betrüger attraktiver werden, Privatpersonen (...) ins Visier zu nehmen. »

Philippe Fleury
Kriminalitätsexperte bei der KPMG

So plünderte beispielsweise ein kirchlicher Seelsorger als Vormund mehrere Jahre das Konto seines geistig behinderten Mündels. Er hatte als Beistand Zugriff auf dessen Bankkonto: Über 400 Mal bediente er sich am Guthaben. Insgesamt veruntreute der Seelsorger über 250'000 Franken.

KPMG Forensic Fraud Barometer

Der Barometer des Wirtschaftsprüfers KPMG beruht auf Wirtschaftskriminalitätsfällen mit einem Schadensbetrag von mindestens 50'000 Franken, die im Berichtsjahr von einem Schweizer Strafgericht abgeschlossen wurde und über die in den wichtigsten Schweizer Zeitungen berichtet wurde.