Zürich: «Wir wollen keine Oase für Reiche sein»

In den meisten Städten steigt die Zahl der Sozialhilfebezüger. Eine Ausnahme ist Zürich. Die Stadt verzeichnet gar einen Fallrückgang. Was macht Zürich besser als die andern? Der Zürcher Sozialvorsteher Martin Waser antwortet.

Sozialhilfequote in einigen Vergleichsstädten von 2012 Bundesamt für Statistik

News Online: Zürich hat eine Sozialhilfequote von 4.7 Prozent. Biel im Vergleich hat eine von 11.4 Prozent. Was macht Zürich besser?

Stadtrat Martin Waser: Zürich hat eine völlig andere Zusammensetzung der Bevölkerung. Wir haben beispielsweise ein dreimal so hohes Steuereinkommen pro Kopf wie Biel. Biel hat die Uhrenkrise in den 1970-, 1980er-Jahren nie so richtig überwunden. Und das schlägt sich jetzt auf die Sozialhilfebezüger nieder.

Andererseits hat Zürich einen hohen Ausländeranteil, über 30 Prozent. Biel dagegen liegt leicht darunter.

Mehr Ausländer bedeutet nicht zwangsläufig mehr Sozialhilfebezüger. Wir haben in Zürich viele hochqualifizierte Ausländer. Und wir haben einen grösseren Branchenmix als Biel. Die Hochschulen, die Versicherungen, die Banken, diese Branchen ziehen gut qualifizierte Fachkräfte an.

Zürich lagert die Sozialhilfebezüger nach Schlieren aus?

Nein, Schlieren ist auf gutem Weg. Es hat viele fitte, junge Bewohner. Durch den alten Wohnbestand hat Schlieren zwar einen hohen Ausländeranteil, aber diese sind oft mittelqualifiziert.

Trotzdem, Zürich bietet immer weniger günstigen Wohnraum an, und ist damit auch die Sozialhilfebezüger los.

Das stimmt nicht. 25 Prozent von Zürichs Wohnungen sind günstig. Wir wollen diesen Bestand auf 30 Prozent erhöhen. Wir möchten günstigen Wohnraum bieten, weil wir keine Oase von Reichen sein wollen.

Die Zahlen belegen, dass die Zahl der über 50-jährigen Sozialhilfebezüger überdurchschnittlich zunimmt. Was macht Zürich dagegen?

Lange haben wir diesen Menschen ein Arbeits-Integrationsprogramm angeboten, versucht, sie wieder in den Arbeitsmarkt einzugliedern. Das hat aber nichts gebracht. Deshalb suchen wir jetzt das Gespräch mit dem Arbeitgeberverband. Die Arbeitgeber haben uns versprochen, dass sie erfahrene Leute suchen. Darauf pochen wir jetzt.

Zur Person

Martin Waser ist Vorsteher des Sozialdepartements der Stadt Zürich.

Mehr Sozialhilfefälle

2012 waren 2,5 Prozent mehr Städter abhängig von der Sozialhilfe. Weil aber auch die Bevölkerung zunahm, blieb der Anteil an Bezügern gleich hoch. Auffällig: Immer mehr über 50-Jährige sind bedürftig. Die Skos stellt die Frage nach dem Gesellschaftsvertrag. Muss er neu definiert werden? Mehr

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

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    Aus Rendez-vous vom 3.9.2013

    Schlecht Ausgebildete, Alleinerziehende, geschiedene Männer oder Ausländer: Sie haben in der Schweiz das grösste Risiko, von der Sozialhilfe abhängig zu werden. Das bestätigt ein neuer Bericht.

    Wie gehen die Städte damit um? Ein Augenschein in Basel, wo die Quote älterer SozialhilfeempfängerInnen kontinuierlich steigt.

    Katrin Hug und Gaudenz Wacker