Zum Inhalt springen

Schweiz Zuwanderung stopft Lücken und schafft neue

Die Personenfreizügigkeit lockt Einwanderer in die Schweiz. Von Hochqualifizierten profitiert die Wirtschaft. Doch es kommen auch Schlechtqualifizierte. Und das setzt vor allem die hiesigen Sozialsysteme unter Druck. Deshalb wir die Ventilklausel für die Schweiz zum Thema.

Arbeiter auf einer Baustelle in einem Wohnquartier.
Legende: Im Baugewerbe arbeiten viele Zuwanderer mit relativ geringen Qualifikationen. Keystone

Ist die Personenfreizügigkeit für die Schweiz ein Fluch oder ein Segen? Diese Frage stellt sich dem Bundesrat. Möglicherweise bespricht er die Anrufung der Ventilklausel schon an seiner Sitzung von morgen Mittwoch.

Wer die Frage beantworten will, muss sich eine weitere stellen: Sind mittels der Personenfreizügigkeit die gewünschten Arbeitskräfte gekommen?

Der Ökonom und Bildungsexperte Rudolf Strahm sagt: «Es sind zusätzlich hochqualifizierte Menschen wie Ärzte, Ingenieure und Informatiker in die Schweiz eingewandert». Einige Branchen hätten durchaus von der Zuwanderung profitiert.

Auch Reiner Eichenberger, Wirtschaftsprofessor der Universität Freiburg, beurteilt die ersten Folgen als positiv. Er verweist gegenüber Radio SRF auf das Beispiel der Ärzte: Sie sehen ihre Perspektiven in der Schweiz und kommen ins Land. Doch mit ihnen kommen auch viele andere Menschen. Diese werden irgendwann zu Patienten. «Und schon hat es wieder zu wenige Ärzte.»

Es kommen auch Schlechtqualifizierte

Die Zuwanderung stopfe Lücken und schaffe wiederum neue Lücken. Die Befürworter der Personenfreizügigkeit argumentieren: «Wir haben einen speziellen Bedarf an Fachkräften. Den kann man durch Einwanderung decken.» Eichenberger sagt dazu: «Das ist einfach total naiv.»

Strahm verweist ebenfalls auf den Zustrom an Schlechtqualifizierten vor allem aus bildungsfernen Schichten aus Portugal und Osteuropa.

Strahm sagt: «Über 50 Prozent der eingewanderten Portugiesen sind ungelehrt. Sie arbeiten in Tiefstlohn-Branchen». Das sei das Ergebnis des Einwanderungsmodells der 1970er bis 1990er Jahre.

Sozialsysteme geraten unter Druck

Mit diesem Modell ist auch die Einwanderung in die Sozialsysteme gekommen. «60 Prozent Sozialhilfe-Bezüger sind Ausländer oder eingebürgerte Personen mit Migrationshintergrund», sagt Strahm. Neben dem Sozialhilfesystem entstehen auch für die Arbeitslosenversicherung hohe Kosten.

Strahm kritisiert das Staatssekretariat für Wirtschaft: «Das Seco hat uns weisgemacht, dass nur Leute kämen, die eine Stelle haben. Und dass diese wieder gehen würden, wenn sie arbeitslos sind. Das ist falsch».

Zu gross seien laut dem Bildungsexperten die Anreize für Migranten, ihre Anrechte auf die Leistungen Sozialsysteme zu nutzen.

Die Zuwanderung setzt die Sozialsysteme unter Druck. Eine verbesserte Produktivität kann keine Abhilfe schaffen. «Sie ist einfach zu schwach», sagt Strahm.

Nicht auf Produktivitätssteigerung hoffen

Das sieht auch Wirtschaftsprofessor Eichenberger so: «Die Leute, die kommen sind im Endeffekt so produktiv, wie die Leute, die schon da sind.»

Laut Eichenberger lässt Zuwanderung die Wirtschaft expandieren: Durch zugewanderte Menschen sinken die Löhne, dann sinken die Lohnkosten für Unternehmen. Das macht die Schweiz attraktiver als Wirtschaftsstandort. Neue Firmen siedeln sich an, sie schaffen neue Arbeitsplätze. «Das ist weder gut noch schlecht.»

Sein Fazit: «Die Zuwanderung bringt kurzfristig nichts, aber sie schadet auch nicht.»

Heikel wird laut dem Wirtschaftsprofessor die Zuwanderung erst, wenn das Land knapp und die Infrastruktur mit den Menschenmengen nicht mehr fertig wird.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

16 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von John Doe, Basel
    Speziell das Beispiel der Ärzte ist denkbar schlecht: wir müssen nicht jammern zuwenig Ärzte zu haben nachdem wir deren Ausbildung selbst beschränken. (zu denken es wandern nur Hausärzte ein welche weniger lukrative Landschaften versorgen wäre naiv) - Auch dass der Fakt sinkender Löhne (= sinkender Wohlstand) weder gut noch schlecht sei kann ich nicht nachvollziehen. - Welch fähige Ökonomen werden von solchen Wirtschaftsprofs wohl ausgebildet?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Hans Haller, Kölliken
    Die wirtschaftliche Wohlfühl-Arena mit speziellem Wellnessbereich für das Big-Busniess zeigt Risse, die quer durch die ganze Gesellschaft verlaufen. Die einzelnen Lager driften immer weiter auseinander. Die Regierung stütz sich immer mehr auf "Fachkräfte" ab, die wahrlich nicht mehr unser Vertrauen verdienen, zumal diese eigenlich selber nicht mehr so recht wissen was sie tun. Wer wundert sich heute wirklich noch, dass es zB. eine 1:12-Initiative gibt. - also ich nicht ! -
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Marlene Zelger, 6370 Stans
    Eigentlich - ja, eigentlich, ihr Linken und Grünen, hättet ihr - um eurer Glaubwürdigkeit gerecht zu werden - von Anfang an GEGEN die Personenfreizügigkeit sein sollen, steht doch in eurem Parteibüchlein der Schutz der Umwelt und besonders bei euch Grünen auch der Naturschutz an erster Stelle.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen