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Schweiz Zweiter Weltkrieg: 75 Jahre Mobilmachung in der Schweiz

Vor 75 Jahren beschloss der Bundesrat die Kriegsmobilmachung. 450'000 Soldaten und 200'000 hilfsdienstpflichtige Männer rückten in den Aktivdienst ein. Innert kürzester Zeit packten sie ihr Gewehr, verabschiedeten sich von der Familie und verliessen Heim und Hof.

Am 1.September 1939 fällte der Bundesrat den Entscheid zur Mobilmachung – an dem Tag, als Hitlers Truppen in Polen einfielen. «Die aussenpolitische Lage hat sich in den letzten Tagen derart zugespitzt, dass es dringend notwendig erscheint, die Sicherheit der Landesgrenzen und den Schutz unserer Neutralität der Armee anzuvertrauen», heisst es im Protokoll der Bundesratssitzung von anno dazumal.

Mehrere Personen schauen Plakat an
Legende: Soldaten und Zivilisten lesen das Aufgebot zur Mobilmachung. Innerhalb von 24 Stunden musste eingerückt werden. Keystone

Die «Neue Zürcher Zeitung» berichtete tags darauf, die «totale Mobilmachung der Wehr, des Willens und des Geistes» sei im Gange. «Ein Viermillionenvolk steht auf Grenzwacht und harrt gefasst und entschlossen der Prüfungen dieser dunkeln, blutigen, mordenden Zeit.»

Viel Zeit zum Abschied nehmen blieb nicht. Denn die Gefahr sei damals gross gewesen, die Mobilmachung hastig, sagt der Historiker Thomas Maissen.

Die einrückenden Männer begaben sich zu ihrem Sammelplatz. Offenbar ging man davon aus, dass der Kriegseinsatz nicht lange dauern würde. Als Erstes mussten die Einrückenden den Fahneneid leisten.

Die Vereidigung habe den Übergang vom Frieden in die Kriegszeit gekennzeichnet, schreibt der Historiker Christof Dejung. Danach begann der Alltag in der Armee – und dieser sei sehr oft äusserst monoton gewesen.

Auch um die Ausrüstung stand es nicht zum Besten. Es fehlte vor allem an schweren Waffen, wie der Historiker Georg Kreis später schrieb. Bei Kriegsausbruch hatte die Armee beispielsweise nur 24 Panzer. Die Moral der Truppe war laut Kreis jedoch alles in allem ziemlich gut gewesen, oft besser als bei der Zivilbevölkerung.

Wenn plötzlich das halbe Personal fehlt

Die Daheimgebliebenen stellte die allgemeine Mobilmachung vor Schwierigkeiten. Die eingerückten Männer – zeitweise über 10 Prozent der Bevölkerung – fehlten in der Familie wie in der Arbeitswelt. «Das öffentliche Leben brach vorübergehend zusammen», sagt der Historiker Maissen dazu.

Legende: Video «Persönliche Erlebnisse von der Generalmobilmachung 1939» abspielen. Laufzeit 5:43 Minuten.
Aus Schweiz aktuell vom 24.07.2009.

Bei der Migros beispielsweise reduzierte die Mobilmachung das männliche Personal um zirka zwei Drittel, wie sie am 3. September 1939 in einem Inserat in der «NZZ» bekannt gab. Auch der weitaus grösste Teil der Lastwagen sei eingezogen worden. «Ob wir Benzin für die restlichen bekommen, ist ungewiss», hiess es im Inserat. Die Kunden sollten sich aber nicht sorgen, denn die Migros verfüge über grosse Vorräte.

Ackerbaufläche erweitert

Eine zusätzliche Belastung für die Frauen und andere Daheimgebliebene brachte später die landwirtschaftliche «Anbauschlacht»: Aus Furcht vor einer Lebensmittelknappheit verfügte der Bund eine Ausweitung der Ackerbaufläche. Der Selbstversorgungsgrad stieg dadurch von 52 auf 59 Prozent.

Die Behörden waren bemüht, aus den sozialpolitischen Fehlern des Aktivdienstes 1914-1918 zu lernen, wie der Historiker Dejung schreibt. So wurde der allgemeine «Wehrmannsschutz», der spätere Erwerbsersatz, eingeführt. Zudem sicherte ein neues Gesetz die Arbeitsplätze der Wehrmänner.

Fast sechs Jahre Aktivdienst

Bis diese definitiv dorthin zurückkehren konnten, dauerte es jedoch fast sechs Jahre. Am 8. Mai 1945 ging mit der Kapitulation Deutschlands der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende. Der Aktivdienst dauerte gemäss dem Historischen Lexikon der Schweiz wegen Räumungsarbeiten noch gut drei Monate länger.

Obwohl die Schweiz weitgehend in der Zuschauerrolle war, wurde sie laut dem Historiker Kreis dennoch vom Krieg geprägt, insbesondere durch den jahrelangen Militärdienst, die Versorgungsknappheit – und durch die dumpfe Befürchtung, doch noch angegriffen zu werden.

Die Verluste der Schweiz waren im Vergleich zu den am Krieg direkt beteiligten Ländern gering: Vier Fliegeroffiziere fanden im Einsatz den Tod; durch Bombardierungen verloren 84 Menschen ihr Leben.

Legende: Video «Mobilmachung der Armee von 1939» abspielen. Laufzeit 0:54 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 02.09.2014.

4 Kommentare

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  • Kommentar von A.Frei, Widnau
    Man dachte,der ewige Frieden in Europa sei ausgebrochen ...und jetzt? Der Himmel bewahre,dass irgendwann wieder eine Mobilmachung kommt. Ueberrall brennts.Deutschland lehnt sich immer weiter aus dem Fenster ohne seine Bürger zu fragen.Die EU mag die Grenzen abgeschafft haben,aber die Nationen bestehen noch.Wenn es so weitergeht kann es auch ein einen Krieg mit Nachbarn geben,man nennts dann einfach EU-Bürgerkrieg.Hoffen wir das EU "Friedensprojekt" hält,was es verspricht.Auch bei den Einwohnern.
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    1. Antwort von M. Rohrbach, Bad Salzdetfurth
      Lieber Herr Frei, was soll bitte die Erwähnung Deutschlands? Wird als Bösewicht ja immer gern genommen. Das heutige Deutschland ist sicher einer der friedlichsten Staaten in Europa. Die Kriegstrommel schlagen andere. Als ein in Deutschland lebender Schweizer sage ich Ihnen, Sie können ruhig schlafen.
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    2. Antwort von Rolf Bolliger, Orpund
      Nicht nur Deutschland (Merkel und ihre Eu-Getreuen), sondern vorallem die "Mächtigen" in der Brüsseler-EU-Bürokratie, lehnen sich immer weiter aus dem Fenster, ohne je die (zahlenden) Bürger(innen) zu fragen! Dies ist die Kernaussage von "A.Frey" (und von immer mehr Menschen, die der EU hörig sein müssen!), geehrte(r) "M.Rohrbach" aus Deutschland!
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    3. Antwort von E. Waeden, Kt. Zürich
      @M. Rohrbach: Vermutlich hat A. Frei die deutsche Politik damit gemeint. Schreibt ja:" Ohne seine Bürger zu fragen." Aber es stimmt schon! Auch für mich sieht Friedenspolitik ganz anders aus. Aber ganz sicher besteht sie nicht aus Provokationen, Drohungen, Sanktionen usw. Das ist eine Politik des Krieges & eben nicht des Frieden. Jemanden "friedlich" verprügeln gibt es nicht!
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