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Schweiz Zwiegespräche mit dem «Ökoterroristen» Marco Camenisch

Während drei Jahren besuchte der Journalist Kurt Brandenberger den wegen Mordes verurteilten Umwelt-Aktivisten Marco Camenisch im Gefängnis. Nun erscheint sein Buch zum Leben des berühmten Schweizer «Ökoterroristen». Die «Tagesschau» hat ein Interview mit Brandenberger gemacht.

Legende: Video Kurt Brandenberger über seine Camenisch-Biographie abspielen. Laufzeit 8:46 Minuten.
Vom 15.04.2015.

Der als «Ökoterrorist» verschriene und wegen Mordes verurteilte Marco Camenisch verweigerte jahrelang Interviews und schwieg auch an Gerichtsverhandlungen eisern.

Gegenüber dem Journalisten Kurt Brandenberger hat Camenisch eine Ausnahme gemacht: In mehr als zwanzig mehrstündigen Gesprächen lieferte er ihm in den vergangenen drei Jahren Einzelheiten zu seinem Leben und seinen Beweggründen.

Daneben traf sich Brandenberger mit Weggefährten und Familienmitgliedern des Umwelt-Aktivisten, befragte Strafverfolger und Gefängnisverantwortliche und studierte Gerichts- und Polizeiakten. Jetzt ist die Lebensgeschichte des wahrscheinlich berühmtesten Gefängnisinsassen der Schweiz erschienen.

Die wichtigsten Stationen aus dem Leben von Marco Camenisch

  • Vom Klassenbesten zum Ökoaktivisten: Der 1952 geborene Sohn eines Zollbeamten verlässt die geordneten Pfade eines bürgerlichen Lebens knapp 20-jährig mit seinem Entscheid von der Schule zu gehen und Arbeiter zu werden. Als einer der Klassenbesten mit Noten zwischen 5 und 6 stehen ihm eigentlich viele Wege offen, doch die Formel «Matura – Studium – Elitebildung – Machtträger in Staat und Wirtschaft» sagt ihm nicht zu. Stattdessen engagiert er sich erst moderat, dann radikal «gegen den Wahnsinn der hochtechnisierten, zerstörerischen Kräfte».
  • Sprengstoffanschlag an Weihnachten: Am Heiligabend 1979 bringen Marco Camenisch und sein Komplize René Moser mehrere Sprengstoffladungen bei einer Kraftzentrale bei Bad Ragaz als Widerstandsakt gegen die Elektrizitätswirtschaft an. Die Explosion zerstört zwei Transformatoren und einen Strommasten. Für die Tat und andere Vergehen wird Camenisch 1981 zu zehn Jahren Haft verurteilt.
  • Leben im Untergrund: Marco Camenisch tritt seine Gefängnisstrafe in der Justizvollzugsanstalt Regensdorf an. Unter den 280 Insassen findet Camenisch Kumpels, die wie er nicht gewillt sind, ihre Freiheitsstrafe voll abzusitzen. Mit fünf weiteren Häftlingen gelingt ihm am 17. Dezember 1981 der Ausbruch aus dem Gefängnis. Nach seiner Flucht lebt Camenisch zehn Jahre lang illegal in Italien. In dieser Zeit kommt es zu regelmässigen Treffen mit seiner Familie in Palermo, Catania und Bologna. In Carrara hält sich Camenisch am häufigsten auf. Er schliesst sich einem anarchistischen Kollektiv im Dunstkreis der berüchtigten Brigade Rosse an, die eine Druckerei betreibt und die Zeitschrift «Annares» herausbringt. Camenisch publiziert in dieser unter dem Namen «Spartacus 2001» einen langen Beitrag über den Ausbau der Atomenergie in Europa.
  • Mord an einem Zöllner: Bartholome Camenisch, der Vater von Camenisch, stirbt am 7. Oktober 1989 nach kurzer, schwerer Krankheit. Sieben Wochen später besucht Camenisch das Grab seines Vaters im bündnerischen Brusio. Am selben Tag kommt der Grenzwächter Kurt Moser aus der Nachbargemeinde Poschiavo ums Leben, tödlich verletzt durch drei Revolverkugeln. Der Verdacht fällt auf Camenisch, als bekannt wird, dass dieser sich zum Zeitpunkt des Mordes in der Gegend aufgehalten hat. Camenisch gelingt erneut die Flucht nach Italien. Zwei Jahre später wird er aber nach einer Schiesserei auf einen Carabiniero gefasst. Nach Verbüssung einer mehrjährigen Freiheitsstrafe wegen diverser Sprengstoffanschläge liefert Italien Camenisch an die Schweiz aus. 2004 verurteilt ihn das Zürcher Geschworenengericht zu 17 Jahren Zuchthaus. Hinzu kommen zehn Jahre, die das Kantonsgericht Graubünden Anfang der 80er-Jahre für zwei Anschläge auf Einrichtungen der Stromindustrie gesprochen hatte.
  • Keine vorzeitige Haftentlassung: 2014 spricht sich das Bundesgericht gegen eine vorzeitige Haftentlassung aus und bestätigt damit einen Entscheid der Zürcher Justiz. Diese sieht von einer bedingten Entlassung nach Verbüssung von zwei Dritteln seiner Haftstrafe deshalb ab, weil sie keine günstige Prognose stellen kann. Gemäss ihrem Urteil halte Camenisch bis heute unverrückbar an seiner Gesinnung fest, wonach der bewaffnete Kampf in gewissen Situationen notwendig sein könne. Camenisch soll also drei weitere Jahre in Haft bleiben. Möglicherweise wird aber der Strafvollzug gelockert, um ihn auf das Leben danach vorzubereiten. Wenn Camenisch 2018 frei kommt, wird er 66 Jahre alt sein und 10‘000 Tage und Nächte im Gefängnis verbracht haben.

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