Schweizer mögens online: Der Supermarkt der Möglichkeiten

Online-Dating boomt in der Schweiz. Jeder Fünfte sucht seinen Wunschpartner im Netz. «10vor10» begleitet Menschen, die ihrem Liebesglück online nachjagen, zeigt Risiken und Nebenwirkungen. Virtuelle Kontaktbörsen helfen vor allem älteren Menschen, der Einsamkeit zu entfliehen.

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So liebt die Welt: Schweizer mögens online

5:43 min, aus 10vor10 vom 4.1.2013

Die Zeiten, als man sich schämte, sich bei einer Online-Dating-Site anzumelden, sind endgültig vorbei. Über eine Million Schweizer Singles suchen mittlerweile im Netz nach einem neuen Partner – Tendenz steigend. So gehen auch immer mehr Silver Surfer, so nennen die Dating-Unternehmen Websucher der Generation 50plus, ins Netz, um neues Liebesglück zu finden.

«Ich fühle mich noch so fit und möchte nicht den Rest meines Lebens alleine zu Hause sitzen.», sagt Käthi Gerber aus Bern. Die aktive 79jährige ist seit drei Jahren verwitwet. Ihre Kinder sind erwachsen und haben ihr eigenes Leben. Um der Einsamkeit zu entfliehen, hat sie bei einer Online-Partnervermittlung ein Profil eingerichtet. Und tatsächlich jemanden gefunden. Er ist 75 Jahre, lebt auch in Bern und hat sich das Internet von seinem Sohn erklären lassen.

«Ungeahnte Möglichkeiten»

«Gerade für Ältere, die ansonsten nicht mehr viel Möglichkeiten haben, jemanden Kennenzulernen oder aber auch für Singles mit Kind und wenig Zeit bietet das Internet ungeahnte Möglichkeiten.»

Jean-Luc Guyer vom Zürcher Institut für angewandte Wissenschaften wird von Stefanie Schunke interviewt.

Bildlegende: Online-Dating kann auch schaden, sagt der Experte Jean-Luc Guyer. sf

Das sagt Prof. Jean-Luc Guyer vom Zürcher Institut für angewandte Wissenschaften. In seiner Praxis erlebt der Psychologe aber auch die Schattenseiten des Online-Datings. Bindungsunfähige Männer, die das Gefühl haben, im Netz immer noch eine «Bessere» zu finden. Überforderte Frauen, die nicht mehr daran glauben, den «Richtigen» über das Netz zu finden.

«Ich date seit 4 Jahren über Online-Websites.», erzählt Patrick aus Gletterens im Kanton Freiburg. «Dabei habe ich teilweise 4 bis 5 Frauen parallel getroffen. Das war richtig Stress, aber die grosse Liebe habe ich nicht gefunden.» Patrick will unerkannt bleiben, damit sein Arbeitgeber nicht zu viel über sein Privatleben erfährt.

Beziehungen leiden unter «Shopping-Mentalität»  

«Die Online-Partnervermittlungen gaukeln einem vor, dass sie genau den oder die Richtige für ihre Kunden aus dem grossen Angebot herausfischen können», erklärt Dr. Klaus Heer.

Der Paartherapeut und Buchautor ist überzeugt: Die Tests mit denen die Profile auf den Dating-Sites verglichen und «gematcht» werden, bringen nichts. «Im Gegenteil. Sie erschaffen die Illusion, dass ich mir den perfekten Partner geangelt habe, mit dem eine Beziehung absolut problemlos verlaufen wird. Aber das ist nie der Fall, an Beziehungen muss man immer arbeiten», erklärt Heer. Die Beziehungen würden am Ende unter dieser «Shopping-Mentalität» leiden, weil man nicht mehr bereit wäre Schwierigkeiten zu überwinden.

Käthi Gerber ist trotzdem froh, nicht mehr alleine zu sein. Die 79jährige trifft sich jetzt regelmässig mit ihrem neuen Partner. «Zusammen ziehen will ich aber nicht mehr», sagt sie. «Es ist gut, wenn jeder Raum für sich hat und sich zurückziehen kann, wenn er will.»