«Ihr einziges Problem war, dass sie keine grosse Fraktion hatte»

Drahtzieher von Blochers Abwahl und Widmer-Schlumpfs Einzug in den Bundesrat war 2007 der Bündner SP-Nationalrat Andrea Hämmerle. Im Interview schildert er seine Eindrücke der Amtszeit Widmer-Schlumpfs und ihres Rücktrittes.

Eveline Widmer-Schlumpf lacht.

Bildlegende: «Sie hat das sehr gut gemacht», sagt Andrea Hämmerle. Reuters

SRF News: Eveline Widmer-Schlumpf tritt bei den Bundesratswahlen am 9. Dezember nicht mehr an. Ist das besonders mutlos oder ist das schlau?

Andrea Hämmerle: Weder noch. Es ist ihre persönliche Entscheidung und ich kann sie sehr gut nachvollziehen. Politisch bedaure ich ihren Rücktritt allerdings.

Wäre es nicht besser gewesen, voll auf Risiko zu gehen und nochmals anzutreten?

Für das Land wäre es politisch besser gewesen, wenn sie geblieben wäre. Denn sie ist eine äusserst kompetente, fleissige und sachkundige Finanzministerin, die besonders in nächster Zeit noch gefragt gewesen wäre. Aber wie gesagt: Ich verstehe ihren persönlichen Entscheid.

Es ist jetzt doch schon einige Tage her seit den Wahlen, alle haben auf ihren Entscheid gewartet. Ist das jetzt ein guter Zeitpunkt für ihre Ankündigung?

Es war der richtige Zeitpunkt. Drei Tage nach den Wahlen wäre wohl zu früh gewesen und zu lange zu warten wäre auch wenig sinnvoll gewesen.

Sie kennen Eveline Widmer-Schlumpf gut und haben ihre Medienkonferenz heute am Bildschirm mitverfolgt. Wie hat sie auf Sie gewirkt?

Sie war vollkommen authentisch. Das war Eveline Widmer-Schlumpf, wie sie leibt und lebt. Auch die Pointe am Anfang der Medienkonferenz, zuerst etwas zur Sachpolitik zu sagen, fand ich super. Das war typisch für sie.

Hämmerle steht im Radiostudio vor einem Mikrofon.

Bildlegende: Andrea Hämmerle: «Eveline Widmer-Schlumpf ist viel lockerer als ihr Ruf.» SRF

Haben Sie in der letzten Zeit mit ihr gesprochen?

Ja.

Wie hat sie diesen Druck ausgehalten? Ist ihr der Entscheid schwer gefallen?

Ich denke nicht. Das hat man heute sehr schön gesehen. Sie ist viel lockerer als ihr Ruf. Sie kann etwas abschliessen und dann ist es für sie erledigt. Sie war acht Jahre lang unter einem enormen Druck. Ich möchte den Mann kennenlernen, der Nerven hat wie Eveline Widmer-Schlumpf. Das hat sie hervorragend gemacht und der Abschluss war auch gut – auch wenn es schade ist, dass sie aufhört.

In den letzten Tagen sind immer mehr CVP-Exponenten auf Distanz gegangen und auch ihre eigene BDP war keine volle Unterstützung. Wie erklären Sie sich das?

Die Mitteparteien waren schon sehr mutlos. Ich denke aber nicht, dass dies ihren Entscheid wirklich beeinflusst hat. Doch nach aussen war es schon eher ein Trauerspiel, was CVP und BDP geboten haben.

«  Es war ein Trauerspiel, was CVP und BDP in den letzten Tagen geboten haben. »

Hat die SVP den zweiten Bundesratssitz nun zu gut und wird diesen auch kriegen?

Ich bin nur alt-Politiker und nicht Prophet. Was ich weiss ist, dass die letzten Entscheide nicht schon sieben Wochen vor den Bundesratswahlen gefallen sind. Ich möchte mich hier nicht auf die Äste hinauslassen. Im Moment sieht es tatsächlich so aus, als ob die SVP einen zweiten Sitz bekommt. Aber es geht noch einige Zeit bis zur Wahl.

Wie ist denn jetzt die Rolle ihrer SP? Wird sie nun im Hintergrund auch noch mitwirbeln, damit die politische Mitte noch gestärkt wird?

Dazu möchte ich mich nicht äussern.

Sie sind voll des Lobes für Eveline Widmer-Schlumpf. Was war denn ihr grösster Verdienst?

Nicht nur ich bin voll des Lobes. Man hört nichts anderes, als dass sie eine kompetente Finanzministerin ist und war. Sie hat den Finanzplatz auf eine gute Art reformiert, sie hat die Finanzkrise in einer äusserst schwierigen Situation gemeistert – natürlich zusammen mit anderen. Sie hat das sehr gut gemacht. Ihr einziges Handicap war, dass sie nicht in einer grossen Partei oder Fraktion war. Das war ihr Problem. Doch ich vergleiche das mit einem Unternehmen: Wenn der Finanzchef gut und kompetent ist, entlässt man ihn nicht, wenn er die falsche Religion hat. So kommt mir die Situation von Eveline Widmer-Schlumpf vor.

Was jetzt? Sie sagte an der Medienkonferenz, sie werde politische Beobachterin bleiben und habe nun auch Zeit für anderes. Was macht denn eine gewesene Finanzministerin?

Ich weiss nicht, was sie vorhat, aber sie hat sicher verschiedene Perspektiven. Ich hoffe vor allem, dass sie es ein bisschen weniger streng nimmt als die letzten Jahre.

Das Gespräch führte Simone Fatzer.