Das «rote Arbon» ist nicht mehr

Ein bemerkenswertes Beispiel zur Verschiebung der politischen Kräfte in den letzten 40 Jahren liefert die Thurgauer Gemeinde Arbon. In der einst traditionellen Arbeiter-Hochburg hat die SP in den letzten Jahren ihre Vormachtstellung an die SVP verloren.

Ein älterer Mann sitzt am Ufer des Bodensees, in der Ferne die schneebedeckten Berge.

Bildlegende: Die Zeiten des «roten Arbons» sind vorbei – nun dominiert die SVP die politische Landschaft. Imago

Arbon: Das war und ist Saurer. Während des Ersten Weltkrieges begann die Firma, Lastwagen zu bauen. Später kamen Autobusse und Textilmaschinen dazu. Saurer wurde in diesen Bereichen bald zum bedeutendsten Schweizer Hersteller – nicht zuletzt, weil man die Produktion kontinuierlich steigern konnte.

Das «rote Arbon» ist Saurer geschuldet

Zur Blütezeit beschäftigte Saurer in Arbon mehr als 4500 Angestellte. Dies in einer Stadt mit rund 12'000 Einwohnern. Entsprechend stark war die Arbeiterbewegung: Schon bald sprach man nur noch vom «roten Arbon». In der Tat verdankte die Linke ihre Macht der Firma Saurer, wie der Historiker Stefan Keller weiss. Er hat ein Buch über das «rote Arbon» verfasst.

«Die Fabrik prägte alles in dieser Stadt», sagt er. Die in Arbon lebende Arbeiterschaft habe sich politisch engagiert und organisiert. Für viele Arbeiter in der Schweiz – und auch in Arbon – sei «links sein» nicht nur eine Frage des Abstimmungsverhaltens gewesen, «sondern eine Frage der Haltung und der Kultur».

Die Gesellschaft war gespalten: So lasen im «roten Arbon» etwa die Linken ihre Arbeiterzeitung, die Konservativen die katholische Volkszeitung. Der Wähleranteil der SP lag bei den Nationalratswahlen von 1970 bis Mitte der 1990er-Jahre bei weit über 30 Prozent. Zwischenzeitlich sogar bei 45 Prozent. Doch mit dem Niedergang der Firma Saurer vor rund 30 Jahren begann auch der Niedergang der Linken.

«Aufgelöst wie eine Brausetablette»

«Der grösste Arbeitgeber hat sich aufgelöst wie eine Brausetablette», beschreibt Keller die damalige Situation. Entsprechend sei in Arbon eine Art Weltuntergangsstimmung entstanden. Und damit war es mit der Vormacht der SP vorbei: «Pessimismus ist immer schlecht für die Linke», konstatiert der Historiker. Sozialdemokraten und Gewerkschaften gewännen tendenziell eher in optimistischen Zeiten hinzu.

Da, wo früher fleissig gearbeitet wurde, liegt heute eine Industrie-Brache mit einer Fläche von 240'000 Quadratmetern; es ist die grösste der Schweiz. Nun wird hier ein komplett neuer Stadtteil aus dem Boden gestampft. Es werden Häuser und Wohnungen im Hochpreissegment gebaut. Eine Wohnung mit Seeblick ist nicht unter einer Million Franken zu haben.

Direkt am See machen sich also die Reichen breit, günstigen Wohnraum gibt es am Stadtrand. Der Ausländeranteil in Arbon liegt mit 27 Prozent über dem kantonalen und schweizerischen Durchschnitt. Ausserdem klagt die Stadt am Bodensee über die höchsten Sozialhilfekosten in der Region.

Diffuse Ängste helfen der SVP

Von der roten Gesinnung sei in Arbon heute nichts mehr zu spüren, sagt Keller. In Zeiten des «roten Arbons» habe nicht der Wille bestanden, die Stadt zu besitzen, sondern sie für die armen Leute zugänglich zu machen. Unter Solidarität habe man damals verstanden, dass die Stadt auch den Besitzlosen gehören sollte. «Heute jammert man über die vielen Sozialfälle und möchte sie am liebsten weghaben», so Keller.

In Arbon gibt es nicht mehr Gewalt und Verbrechen als in anderen Gemeinden; trotzdem wirken sich die diffusen Ängste und Sorgen der durch den Niedergang verunsicherten Arboner auch auf die Nationalratswahlen aus. So konnte die SVP in den vergangenen 20 Jahren ihren Wähleranteil von 15 auf über 30 Prozent mehr als verdoppeln. Während die SP mit 20 Prozent Wähleranteil stagnierte.