Ständerat: Der grosse Tanz um einen Sitz für den Aargau

Christine Egerszegi (FDP) tritt nicht mehr an. Um ihren Sitz könnte es ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den Kandidaten von FDP, SVP und CVP geben. Nur unter «ferner liefen» werden GLP, BDP, Grüne und EVP in die Archive eingehen. Ständerätin Pascale Bruderer (SP) kann das Treiben gelassen beobachten.

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Aargau: Die Ausgangslage in 144 Sekunden

2:24 min, vom 6.9.2015

Pascale Bruderer: Eloquent, omnipräsent in den Medien und Rednerin an vielen öffentlichen Veranstaltungen. Sie ist beliebt über die Parteigrenzen der SP hinaus und sie kann sich immer noch im Erfolg sonnen, dass sie es vor vier Jahren geschafft hat, der SVP den Ständeratssitz zu entreissen. Pascale Bruderer wird die Wiederwahl locker schaffen, darin sind sich alle Beobachter einig. Vielleicht sogar schon im ersten Wahlgang.

Pascale Bruderer und Christine Egerszegi

Bildlegende: 23.10.2011: Pascale Bruderer (SP) kommt im 1. Wahlgang in den Ständerat. Christine Egerszegi (FDP) muss in die 2. Runde. Keystone

In schlechter Erinnerung sind die Wahlen 2011 hingegen der SVP. Sie war damals mit Maximilian Reimann im Ständerat vertreten. Die Parteistrategen befanden aber, Reimann (damals 69), müsse durch einen Jüngeren ersetzt werden, nämlich durch Ulrich Giezendanner (damals 57). Reimann wurde auf die Nationalratsliste abgeschoben, Giezendanner kandidierte für den Ständerat und scheiterte.

Bei den Ständeratswahlen 2011 hatte die SVP alles falsch gemacht; 2015 will sie nun alles richtig machen. Und sie ist nicht schlecht unterwegs. Ihr Kandidat ist Hansjörg Knecht, seit 2011 Nationalrat. Hauptberuflich ist er Unternehmer, er ist Mitbesitzer und Geschäftsleiter der Knecht Mühle AG in Leibstadt.

Bürgerliche Schwergewichte

Knecht ist kein Mann der grossen Töne, kein typischer «SVP-Polteri». Er kann zuhören und argumentiert einfach und klar. In seinem Wahlkampf spielt er auf seinen Namen an: In Bern gebe es schon genug Könige, es brauche auch noch Knechte. Den Wahlkampf hat er schon längst eröffnet. Lange vor allen anderen Kandidaten schickte er allen Stimmberechtigten im Aargau seine Wahlzeitung ins Haus. Seine Themen: Landwirtschafts- und Wirtschaftspolitik.

Die Aargauer Kandidaturen für den Ständerat

Knechts härtester Gegner ist Philipp Müller, Nationalrat und Präsident der FDP. Die Liberalen Schweiz. Müller ist viel bekannter als Knecht. Und vor allem: Müller schwimmt auf einer Welle des Erfolgs. Als Präsident der FDP Schweiz konnte er sich im Frühling 2015 über Wahlerfolge seiner Partei in den Kantonen Zürich, Basel-Land und Luzern freuen.

FDP-Kandidat ohne Wahlkampf

Philipp Müller hat sich zu Beginn seiner politischen Karriere vor allem in der Ausländer-Politik engagiert. Heute ist er in allen wichtigen Dossiers sattelfest. Als Bauunternehmer liegt ihm speziell die Wirtschaftspolitik am Herzen.

Das Handicap von Müller: Die FDP, seine Hausmacht, hat im Aargau einen Wähleranteil von 15 Prozent (Grossratswahlen 2012), für die SVP hingegen votierten bei der gleichen Wahl 32 Prozent der Stimmenden.

Hinzu kommt, dass Philipp Müller seinen persönlichen Wahlkampf ausgesetzt hat. Grund dafür ist der Verkehrsunfall, den er am 10. September 2015 in Lenzburg verursachte hatte. Er kollidierte mit seinem Mercedes mit einer jungen Frau auf einem Roller. Sie wurde schwer verletzt.

Humbel: Aussenseiterin und Geheimfavoritin

Müller und Knecht sind die Schwergewichte im Aargauer Ständerats-Wahlkampf. Und doch: Dass sie das Rennen unter sich ausmachen, ist noch lange nicht sicher. Dritte im Bunde der aussichtsreichen Kandidaten ist nämlich Nationalrätin Ruth Humbel-Naef von der CVP.

Auf den ersten Blick scheinen ihre Chancen klein zu sein. Sie bringt nur einen Wähleranteil von 13 Prozent mit. Und als sie 2003 gleichzeitig für den National- und den Ständerat kandidierte, schnitt sie im Rennen fürs Stöckli schlecht ab. Sie ist zwar eine der profiliertesten Gesundheitspolitikerinnen im Nationalrat, hat aber Mühe, ihre Kenntnisse in eine Sprache zu übersetzen, die der Durchschnittsbürger versteht.

Doch trotz dieser Handicaps könnte Ruth Humbel Hansjörg Knecht und Philipp Müller einen Strich durch die Rechnung machen. Man kann davon ausgehen, dass Pascale Bruderer im ersten Wahlgang gewählt wird. Für den zweiten Sitz wird es mit grösster Wahrscheinlichkeit einen zweiten Wahlgang brauchen.

In diesem könnte Ruth Humbel dann Stimmen von der Mitte bis weit nach links auf sich vereinigen. Das könnte reichen, um Müller und Knecht zu übertrumpfen. Sollte dieser Fall eintreten, wäre die CVP wieder im Ständerat vertreten. Den Sitz hatte sie 1995 an die SVP verloren.

Wiederum anders sähe die Situation aus, wenn sich entweder Müller oder Knecht im zweiten Durchgang aus dem Rennen zurückziehen würden. Die Chancen des verbleibenden FDP- oder SVP-Kandidaten würden dann massiv steigen, weil er alle (rechts-)bürgerlichen Stimmen auf sicher hätte.

Unantastbare Pascale Bruderer

Klar ist: Humbel, Knecht und Müller streiten sich nur um den Sitz von Christine Egerszegi, die nach acht Jahren nicht mehr antritt. Theoretisch könnten FDP, SVP und CVP zwar auch Pascale Bruderer angreifen. Mit dem Ziel, beide Ständeratssitze ins bürgerliche Lager zu holen.

Doch realistisch gesehen sitzt Pascale Bruderer so fest im Sattel, dass ein Angriff auf sie aussichtslos ist. Deshalb sind Humbel, Knecht und Müller im Ständeratswahlkampf erbitterte Gegner. Jede Partei hat ein allergrösstes Interesse, den Sitz im Stöckli zurückzuerobern beziehungsweise zu verteidigen.

Es ist nicht ganz auszuschliessen, dass auch Pascale Bruderer in den zweiten Wahlgang muss. Vor diesem Szenario hat sie selber Angst. In einem Mailing an ihre Sympathisantinnen und Sympathisantinnen im Mai warnte sie davor, in Lethargie zu verfallen.

Sollte Bruderer tatsächlich im ersten Wahlgang das absolute Mehr verpassen, wäre in einem zweiten Wahlgang alles möglich. Es würden sich dann mehrere Kandidatinnen und Kandidaten um die zwei Sitze streiten. Das relative Mehr genügt. Wer dann am Schluss die Nase vorn hat, ist unmöglich zu prognostizieren.

Die Kandidaten im Überblick

Name
Stärken
SchwächenChancen
Pascale Bruderer (SP, bisher)
Eloquent, volksnah, besetzt erfolgreich «soziale» Themen
Wie links? Wie «mittig»? Politisch schwer fassbar
Wahl ist so gut wie sicher, wohl schon im 1. Durchgang
Philipp Müller (FDP)
Dossierfest, wirtschaftsnah, sehr bekannt, spricht Klartext, FDP im Aufwind
Manchmal etwas hemdsärmlige Ausdrucksweise
Dürfte im 1. Wahlgang das absolute Mehr verpassen. Im 2. Wahlgang intakte Chance
Hansjörg Knecht (SVP)
Früher Start der Kampagne, moderater Stil, als Unternehmer und HEV-Präsident gut vernetzt
Im Nationalrat farblos, geringer Bekanntheitsgrad
Dürfte im 1. Wahlgang das absolute Mehr verpassen. Im 2. Wahlgang intakte Chance
Ruth Humbel-Naef (CVP)
Bekannt als Gesundheitspolitikerin und als ehemalige Spitzensportlerin (OL)
Sprödes Auftreten, technokratische Sprache
Dürfte im 1. Wahlgang das absolute Mehr verpassen. Im 2. Wahlgang intakte Chance
Beat Flach (GLP)
Vielfältige berufliche Erfahrung, gute Medienpräsenz
Kandidatur für SR nur taktisch als Wahlvehikel für NR
Keine Chance
Bernhard Guhl (BDP)
Sehr aktiv in sozialen Medien, spezialisiert auf Energiepolitik
Kandidatur für SR nur taktisch als Wahlvehikel für NR, BDP schwächelt
Keine Chance
Irène Kälin (Grüne)
Jung und weiblich, häufige Medienpräsenz dank Spezialgebiet Islamwissenschaft
Kandidatur für SR nur taktisch als Wahlvehikel für NR, sehr weit links positioniert
Keine Chance
Lilian Studer (EVP)
Profitiert vom Namen «Studer», 13 Jahre Erfahrung im Grossen Rat
Kandidatur für SR nur taktisch als Wahlvehikel für NR, EVP seit Jahren im Sinkflug
Keine Chance
Pius Lischer (IG Grundeinkomen)
Wenn überhaupt: Seine Beharrlichkeit
Exot ohne politische Erfahrung; kandidiert bereits zum dritten Mal ohne jede Chance für den Ständerat
Keine Chance
Samuel Schmid (SLB)
Hat mit der SLB den Anschluss an die Mitte-Koalition mit GLP, EVP, BDP und Ecopop geschafft
Völlig chancenlose Kandidatur. Holte vor vier Jahren 0,5 Prozent der Stimmen
Keine Chance

Regionaljournal Aargau Solothurn, 17:30 Uhr