Von Kellern, Kälbern und Konkordanz

In der SRF-Nachwahlsendung rücken Urgesteine und Neulinge des Parlaments die Resultate ins rechte Licht. Die Altmeister erklären, wie es zum Ergebnis hat kommen können. Die Novizen stellen in Aussicht, wie es nun weitergeht.

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Nachwahlsendung: Bilanz und Ausblick

66 min, aus Entscheidung 15 vom 19.10.2015

Nach dem fulminanten Wahlsieg der SVP könnte sich Adrian Amstutz, Fraktionsvorsitzender der SVP, in der Nachwahlsendung eigentlich selbst beglückwünschen.

Doch stattdessen spricht er dem Volk die Ehre zu. Den Faden aufgreifend, dass die migrationspolitischen Bewandtnisse die Wahl beeinflusst haben könnten, sagt er: «Die Bevölkerung ist durchaus fähig, zwischen Flüchtlingen und Wirtschafts- und Sozialmigranten zu unterscheiden.» Deswegen habe eine Mehrheit die SVP gewählt.

Alles entscheidende Flüchtlingsfrage

Anita Fetz, die als stellvertretende Fraktionschefin der SP den abgewählten Andy Tschümperlin vertritt, beansprucht in der von Jonas Projer moderierten Sendung einen Teil der Lorbeeren allerdings auch für ihre Partei: «Die SP hat in den Städen Basel und Zürich stark zugelegt. Wir haben zeigen können, dass Abschottung nicht funktioniert.»

Auch Balthasar Glättli, Fraktionsvorsitzender der Grünen, ist der Meinung, dass die Flüchtlingsfrage wegweisend für die Wahlen war. Doch er stellt sie in einen Kontext: «Rundherum in Europa ist das Wohlstandsprojekt am Zittern. Da war auch die Schweiz verunsichert.»

Nach der Revue ringt Moderator Projer seinen Gästen eine Prognose ab. Ob nach dem Siegeszug der SVP Bundesrätin Eveline-Widmer Schlumpf ihren Sitz behalten solle, fragt er. Rosmarie Quadranti, Fraktionschefin der BDP, steht auf verlorenem Posten, wenn sie mit der amtierenden Finanzministerin auf «Beständigkeit» setzt.

Eine Milchbüechlirechnung?

Tiana Moser, Fraktionschefin der GLP, betont: «Prozentual muss man klar sehen, dass die SVP Anspruch auf einen Bundesratssitz hat.» Gabi Huber, Fraktionschefin der FDP, wird noch deutlicher: «Dreimal zwei plus eins», verlangt sie. Denn es habe sich gezeigt, dass es nicht gut herauskomme, wenn man Demütigungsstrategien gegen die wählerstärkste Partei fahre.

Schliesslich scheint auch CVP-Fraktonschef Filippo Lombardi eine Wiederwahl der BDP-Bundesrätin nicht als zwingend anzuschauen. Die Frage, wie die Sitzverteilung adäquat zu berechnen sei, lässt er aber bewusst offen.

Dankbarkeit empfunden auf der Zürcher Josefswiese

Nach den Rechenspielen sind im zweiten Sendungsteil die Parlaments-Novizen am Zug. Nationalrat Roger Köppel (SVP/ZH), Nationalrätin Magdalena Martullo-Blocher (SVP/GR), Nationalrat Marcel Dobler (FDP/SG), Ständerat Peter Hegglin (CVP/ZG) und Nationalrat Tim Guldimann (SP/ZH).

«  Meine Frau sagte mir nach meiner Wahl, dass ich morgen trotzdem den Keller aufräumen müsse. »

Marcel Dobler
Nationalrat FDP/SG

Die Neugewählten schauen noch einmal auf die bewegendsten Momente des Wahltages zurück. Martullo-Blocher sei, umringt von ihren Parteikollegen, so überrascht gewesen, dass sie «den Melkstuhl hat kalbern sehen».

Dobler habe die Gattin auf dem Boden der Tatsachen gehalten: «Sie sagte mir nach der Wahl im Auto, dass ich morgen trotzdem den Keller aufräumen muss.» Und Roger Köppel habe Dankbarkeit empfunden, während er seine beiden spielenden Kinder auf der Zürcher Josefswiese nur schwer habe im Zaum halten können.

Tim Guldimann und Peter Hegglin.

Bildlegende: Haben schon Idee, wie sie nicht zum «Hinterbänkler» werden: Tim Guldimann und Peter Hegglin. SRF

Sodann spricht Moderator Projer die frischgebackenen Volksvertreter auf Verzichtleistungen an, die sie womöglich zu erbringen hätten.

Tim Guldimann nimmt, wie er sagt, gerne auf sich, als Auslandschweizer von Berlin nach Bern zu reisen. Denn nicht zuletzt die zehn Prozent Auslandschweizer hätten eine solche Vertretung verdient.

Hegglin ist sich derweil der Herausforderung bewusst: Die Arbeit werde ihm gewiss viel Engagement abverlangen.

Sind die Neu-Parlamentarier für die Konkordanz geschaffen?

Ob sie sich denn in ihrem künftigen Amt eher als stille Schaffer oder als Schauspieler auf einer Bühne sähen, fragt Jonas Projer seine Gäste schliesslich – ein Steilpass für die Neulinge, sich in schweizerischer Konkordanz zu üben.

Die Gäste kommen alle darin überein, dass beide Tugenden den Parlamentarier ausmachen. «Das eine ist die Substanz und das andere das Mittel», erklärt etwa Guldimann. Ob sie aber studierten oder präsentierten – ihren Auftrag male er sich als «harte Arbeit» aus.