Wie Linksaussen Grüne und SP bedrängt

Hätten die Schweizer Ende August das Parlament gewählt, hätten SVP und FDP zugelegt, die Mitteparteien, Grüne und SP hätten verloren. Interessant dabei: Grüne und SP dürften Stimmen auch an die extremen Linksparteien verlieren. Das sagt Politgeograf Michael Hermann im Interview mit SRF News.

die Alternative Liste bei einer Kundgebung.

Bildlegende: Spielerisch gegen Pauschalbesteuerung – die Alternative Liste bei einer Kundgebung. Keystone

SRF News: Werden künftig wieder Vertreter von Linksaussen-Parteien im nationalen Parlament politisieren?

Michael Hermann: Es ist gut möglich, dass wir nach dem jahrelangen Abstieg der Linksradikalen wieder solche Politiker im Parlament haben werden. Bei den letzten Wahlen hatten diese Parteien weniger als ein Prozent Wähleranteil. Im Oktober kommen sie vielleicht auf zwei Prozent. Grundsätzlich sehe ich für die radikalen Linken in den urbanen, protestantischen und industrialisierten Kantonen gute Chancen für einen Neustart. Also in den Kantonen Genf, Waadt und Neuenburg sowie Zürich und Schaffhausen haben die Linksaussen-Parteien Auftrieb.

Sind es vor allem Jungwähler, die sich angesprochen fühlen?

Das wissen wir nicht genau. Auf nationaler Ebene gibt es noch keine Untersuchung dazu. Wir haben aber bei den Zürcher Kantonsratswahlen gesehen, dass die Stimmen für die Radikalen von jenen Wählern kommen, die vorher die Grünen und die SP gewählt haben.

Also sind es enttäuschte, linke Wähler?

Es gibt Desillusionierungen, und zwar auf zwei Ebenen. Die SP und die Grünen haben in vielen Städten das Sagen und mussten deshalb Kompromisse eingehen. Die Linken sind aber gegenüber der Macht traditionell kritisch eingestellt. Die Kräfte am linken Rand sind in den Augen einiger Wähler noch unverbraucht und unkonventionell. Die linksradikalen Parteien sind noch keine Kompromisse eingegangen.

Und wo liegt der Grund für den anderen Frust?

Die Grünen und die SP sind in der Schweiz europafreundlich. Aber auch unter den Linken hat es viele EU-Skeptiker, weil sie die EU als ein wirtschaftsliberales Projekt ansehen, das den reichen Staaten und den Banken hilft, die Arbeitslosen und die armen Staaten aber unterdrückt. In diese Nische springen nun die linksradikalen Parteien mit ihrer EU-skeptischen Haltung.

Überall in Europa gibt es die anti-europäischen linken Bewegungen. Inwieweit spielen diese ein Rolle für die Schweiz?

Die Linksradikalen sind vor allem in Griechenland und Spanien stark. Dort also, wo es nicht nur von der rechten, sondern auch von der linken Seite her starke Gegenbewegungen zur EU gibt. Auch in Deutschland profiliert sich «Die Linke» zunehmend mit einem EU-kritischen Kurs. Das wirkt sich wiederum auf die Schweiz aus, die von solchen Wellenbewegungen ebenfalls erfasst wird, wenn auch in einem viel kleineren Ausmass.

Wie viele Nationalratssitze werden die Linksradikalen erobern?

Realistisch ist der Gewinn von drei Sitzen für Linksaussen-Parteien. Vier Sitze ist das Maximum, das drin liegt. Einen direkten Einfluss hätten diese Gewählten nicht, weil sie nicht wahnsinnig anders abstimmen würden als die Grünen- oder die SP-Fraktion. Nur bei einem überraschend grossen Sieg mit einem Wähleranteil von drei bis vier Prozent hätten wohl die anderen Linken das Gefühl, sie müssten ihre Position bei der Europafrage anpassen.

Das Gespräch führte Christa Gall.

Die radikalen Linken

Nicht in allen Kantonen gibt es Linksaussen-Parteien. In der Deutschschweiz agiert vor allem die Alternative Liste (AL), in der Westschweiz sind es die Partei Solidarités und die Partei der Arbeit (PdA). Die Allianz «extrême gauche» ist eine Vereinigung linksradikaler Parteien in der Westschweiz, die bei den Wahlen vom 18. Oktober geeint antritt.

Michael Hermann

Portrait von Michael Hermann

Der Geograf und Politikwissenschaftler ist Leiter der Forschungsstelle Sotomo und lehrt am geographischen und politikwissenschaftlichen Institut der Universität Zürich.