Der Wahlherbst zwitschert leise

Wer im aktuellen Wahlkampf die Nase vorne haben wolle, der komme nicht darum herum, Facebook und Twitter einzusetzen, sagt Hans-Dieter Zimmermann, Dozent für Wirtschaftsinformatik. Im laufenden Wahlkampf aber zwischtern die Ostschweizer Parteien und Kandidaten nur zögerlich.

Eine Umfrage des «Regionaljournals» von Radio SRF zeigt: Wohl sehen alle Wahlkampfleiter in den sozialen Medien eine grosse Chance, um neue Wählerinnen und Wähler anzusprechen. Bei der Anwendung gibt es aber Unterschiede.

«Twitter und Facebook vernachlässigt»

Die BDP Graubünden etwa macht kein Geheimnis daraus, dass sie Twitter und Facebook bis jetzt eher vernachlässigt habe, sagt Gian Michael gegenüber Radio SRF. Dieses Defizit gelte es nun aufzuholen. Mehr Zeit in soziale Medien investieren will auch die St. Galler CVP. Das Ziel: Neues Klientel ansprechen, wie Parteisekretär Ralph Lehner erklärt.

«Mit Twitter gewinnt man keinen Wahlkampf»

In die Offensive will auch die FDP Graubünden gehen. Laut Medienchef Silvio Zuccolini ist das Ziel, dass alle Kandidatinnen und Kandidaten ein eigenes Facebook- oder Twitterprofil haben.

Für die Grünliberalen im Kanton Thurgau ist das ebenfalls ein Muss. Parteisekretär Lucas Orellano sagt, ein nationaler Wahlkampf ohne Internet sei gar nicht mehr denkbar. Einen weniger hohen Stellenwert hat der persönliche Auftritt im Netz bei der SVP Thurgau. «Mit Twitter gewinnt man keinen Wahlkampf», sagt Stratege Thomas Gemperle.

Auch die St. Galler SP setzt nicht ausschliesslich auf die virtuelle Welt. Parteisekretär Daniel Hungerbühler sagt, dieses Jahr würden die Sozialdemokraten eine Telefonkampagne durchführen.

«  Wer potenzielle Wählerinnen und Wähler erreichen will, der handelt töricht, wenn er auf soziale Medien verzichtet. »

Hans-Dieter Zimmermann
Dozent für Wirtschaftsinformatik FHS St. Gallen

Hans-Dieter Zimmermann, Dozent für Wirtschaftsinformatik an der Fachhochschule St. Gallen, drückt gegenüber dem «Regionaljournal Ostschweiz und Graubünden» auf SRF1 seine Enttäuschung aus, dass vor allem jüngere Kandidaten die sozialen Medien als Wahlkampf-Motor häufig ausser Acht lassen.

Fast alle Kandidatinnen und Kandidaten, ob in St. Gallen oder Graubünden, hätten heute eine Homepage und alle hätten Facebook. Nur verrieten diese Seiten zwar viel über den Kandidaten als Mensch, aber leider nur wenig über ihn als Politiker und schon gar nicht über seine aktuelle Politik. Es gebe nur ganz wenige Ausnahmen, so bispielsweise Jon Pult (SP) und Josias Gasser (GLP), die ihre Homepage als Blog aufgesetzt hätten, verstanden als eine Art Tagebuch. Das verleite den Politiker aktuelle Themen zu posten, was Zimmermann sehr begrüsst.