Abes Wirtschaftspolitik unter der Lupe

Japans Premier Shinzo Abe greift einmal mehr zur Staatskasse: Seine Regierung wirft 127 Milliarden Franken zusätzlich auf, um die Wirtschaft des Landes anzukurbeln. Zusammen mit bereits laufenden Programmen fliessen damit 266 Milliarden Franken in die Wiederbelebung der japanischen Wirtschaft.

Menschen überqueren eine Strasse in Tokio.

Bildlegende: Wirtschaftskrise? In den Grossstädten, hier Tokio, ist davon nicht viel zu spüren, sagt Journalist Fritz. Reuters

SRF News: Mit Konjunkturprogrammen, Infrastrukturprojekten und Tiefstzinsen versucht Regierungschef Shinzo Abe seit Jahren Japans Wirtschaftskrise zu durchbrechen. Bis jetzt ohne Erfolg. Wo klemmt es?

Martin Fritz: Erfolg oder nicht hängt davon ab, was man betrachtet: Das reale Wirtschaftswachstum war unter Abe eher schwach. Nominal, ohne Inflation also, wuchs Japans Wirtschaftsleistung aber erstmals seit zwei Jahrzehnten, teilweise sehr kräftig. Das ist wichtig für die Überwindung der Deflation. Japan befindet sich also nicht in einer permanenten Krise, wie das immer alle schreiben. Doch die Bevölkerung altert schnell und schrumpft – in den letzten zehn Jahren sank die Zahl der Japaner um eine Million. Da wächst die Wirtschaft natürlich weniger als zum Beispiel in den USA, wo die Bevölkerung zunimmt. Pro Kopf wurden die Japaner aber dennoch reicher. So gesehen war Abes Politik durchaus ein Erfolg.

«  Pro Kopf wurden die Japaner reicher. So gesehen war Abes Politik auch ein Erfolg. »

Der Internationale Währungsfonds IWF hat keine Freude an Abe. Er fordert eine Generalüberholung der japanischen Wirtschafts- und Finanzpolitik. Wie kommt diese Kritik in Japan an?

Das Konjunkturpaket ist eine Antwort auf die Forderungen des IWF. Eine weitere Antwort gab die japanische Notenbank letzte Woche durch eine Lockerung ihrer Geldpolitik. Nur bei den Strukturreformen, bei der Deregulierung also, tut sich die Regierung Abe weiter schwer. Ausser einigen kleinen Schritten wird unter Abe diesbezüglich auch nicht mehr viel passieren, egal was der IWF sagt. Denn dieser Regierungschef agiert ausgesprochen vorsichtig.

Sie leben in Tokio: Wie wirkt sich die Wirtschaftsschwäche auf den Alltag der Japaner aus?

In Tokio kann man von einer Wirtschaftsschwäche nichts erkennen. Die Stadt wächst, es werden überall Büros, Wohnungen und Häuser gebaut. Die Krise ist ausserhalb der drei Metropolen Tokio, Nagoya und Osaka sichtbar, auf dem Land also. Dort leben oft nur noch alte Menschen, viele Häuser stehen leer und verfallen. Ausser einem Postamt gibt es in den Dörfern meist keine Geschäfte mehr. Hier sind neue Rezepte gefragt. Doch der Regierung fällt bis jetzt nichts Besseres ein, als Bahnlinien, Brücken und Strassen zu bauen.

«  Ausser einem Postamt gibt es in den Dörfern keine Geschäfte mehr. Hier sind neue Rezepte gefragt. »

Hören Sie hier das Gespräch mit Martin Fritz

4:40 min, aus SRF 4 News aktuell vom 03.08.2016

Japan hat schon viel versucht, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln – mit mehr oder weniger Erfolg, je nach Sichtweise. Bringt das neue Konjunkturpaket nun die Wende?

Nein, die Wende wird es nicht bringen. Das Paket wird aber helfen, das Wachstum in diesem und im kommenden Jahr zu stabilisieren. Das ist wichtig. Denn Japan hat lange vom nun schwächelnden Wachstum Chinas profitiert. Der japanische Staat muss handeln, wenn die private Wirtschaft schwächelt. Das war und ist hier die Devise. Eine schwarze Null im Haushalt würde hier niemand fordern. In Japan muss der Staat aktiv sein.

Wofür werden die 127 Milliarden Franken eingesetzt?

- Wiederaufbau einer von einem Erdbeben zerstörten Region auf der Insel Kyushu

- Finanzierung öffentlicher Bauvorhaben wie Tunnel- und Hafenanlagen

- Lohnerhöhung für Mitarbeiter in Kinder- und Tagesstätten sowie Altersheimen

- Beihilfen für Firmen, die rationalisieren

- Exporthilfen für Bauern

- 140-Franken-Konsumgutschein für über 20 Millionen Geringverdiener

Martin Fritz

Martin Fritz

Der Journalist Martin Fritz arbeitete als Radio-Korrespondent für die ARD in Tokio. Als freier Journalist berichtet er auch über Nord- und Südkorea. Vorher war er fünf Jahre lang Südasien-Korrespondent in Neu-Delhi. Er hat Politik in Münster, Los Angeles und London studiert.

IWF-Prognose

Der IWF sieht für die japanische Wirtschaft einen Stillstand voraus. Die Aussichten für Wachstum und Inflation seien weiterhin gedämpft, heisst es in einem in Washington vorgestellten Bericht. Für das laufende Jahr rechnet der IWF mit einem moderaten Wachstum von rund 0,3 Prozent, bevor es sich im kommenden Jahr auf 0,1 Prozent abkühlen dürfte.