Angst vor Inflation ist erwünscht

Trotz Liquidität kommt die Wirtschaft in Europa nur schwer in Schwung – das kostete die griechische Regierung den Wahlsieg. Deshalb greift der EZB-Präsident jetzt zu einem ungewohnten Mittel: Quantitative Easing. Die US-Notenbank hat QE wiederholt eingesetzt, doch in Europa stösst es auf Kritik.

Euro-Geldscheine

Bildlegende: Staatsanleihen für 1,1 Billionen Euro. Mario Draghis Ankündigung vom 22. Januar hat mit ihrem Volumen überrascht. Colourbox

EZB-Präsident Mario Draghi ist die Überraschung vergangene Woche gelungen: Als er am Donnerstag ankündigte, dass die Europäische Zentralbank mit einer Geldflut von über einer Billion Euro die Wirtschaft ankurbeln will, übertraf er die im Vorfeld seines Entscheids geäusserten Erwartungen von 500 bis 600 Milliarden deutlich. Der Überraschungseffekt ist gewollt: So will Mario Draghi die Angst vor Inflation schüren.

Noch mehr Liquidität

Bei einer Inflation steigen die Preise. Weil Konsumenten einen Wertverlust ihres Geldes erwarten, werden sie es eher früher als später ausgeben. Genau diesen Effekt will Mario Draghi mit seiner Massnahme erzielen. Denn in Europa ist die Inflation rückläufig: 2011 betrug sie 3,1 Prozent, Ende letztes Jahr war sie bei 0,6 Prozent, und momentan liegt sie bei unter null. Deshalb hat Mario Draghi zum Mittel des sogenannten Quantitative Easing gegriffen, kurz QE.

Die USA haben QE unter dem ehemaligen Fed-Chef Ben Bernanke drei Mal eingesetzt. Und das in den Augen vieler Ökonomen erfolgreich: Die Arbeitslosigkeit in den USA ist massiv gesunken.

Doch Mario Draghis Massnahme hat nicht nur Befürworter, sondern auch Kritiker. Besonders der Vertreter Deutschlands in der EZB, Bundesbank-Präsident Jens Weidmann, hat sich gegen QE gestellt. Da schon viel Liquidität im Markt vorhanden ist, zweifelt er an der Wirksamkeit von QE. Darüber hinaus befürchtet er, dass dringend nötige Reformen in Südeuropa auf die lange Bank geschoben würden. Er hatte im EZB-Rat gegen diese Massnahme gestimmt.

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Hélène Rey über Draghis Quantitative Easing

0:34 min, vom 26.1.2015

Angelsächsische Befürworter

QE ist eine Massnahme, die vor allem im angelsächsischen Raum Befürworter hat. Helene Rey, Professorin an der renommierten London School of Economics, sagte am Rande des WEF zu «ECO»: «Ich denke, es ist eine gute Entscheidung, Staatsanleihen im Wert von über einer Milliarde Euro zu kaufen. Das war nötig. Die Inflation in Europa ist sehr tief. Die EZB musste reagieren.»

Anerkennung für Mario Draghi gab es auch von Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman. In seinem Blog-Eintrag vom 22. Januar lobt er die positive Wirkung, die Mario Draghi mit seiner Ankündigung bereits erreicht habe: «Es scheint, dass Draghis grosse Ankündigung die europäische Inflationserwartung bereits um ein Fünftel Prozent erhöht hat.» Er meinte aber auch, es sei noch nicht ausreichend: «Das war super, Mr. Draghi, aber es ist viel zu wenig, damit Europa die Kurve kriegt.»

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • EZB: Die Logik hinter den Anleihenkäufen

    Aus ECO vom 26.1.2015

    Mario Draghis Ankündigung, dass die Europäische Zentralbank die Krise in Europa mit monatlichen Wertpapierkäufen in Milliardenhöhe bekämpfen will, ist auf Zustimmung gestossen, aber auch auf Kritik. Weshalb flutet der EZB-Präsident einen ohne hin schon mit Liquidität gesättigten Markt mit noch mehr Liquidität? Was auf den ersten Blick unlogisch scheint, hat eine ökonomische Basis.

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