Angst vor Ölpest in der Arktis

In den Gewässern vor Alaskas Küste darf Royal Dutch Shell nach Öl bohren. Die US-Regierung hat dazu die Bewilligung erteilt – und betont die hohe Sicherheit des Projekts. Umweltschützer hingegen kritisieren, Shell sei zu wenig auf einen möglichen Unfall vorbereitet.

Fahnen mit einem zu einem Totenkopf abgewandelten Shell-Logo.

Bildlegende: Umweltschützer kritisieren, die Ölbohrungen von Shell in der Arktis seien ein Risiko für Eisbären, Seehunde und Wale. Keystone

Die Arktis birgt einen Schatz: Unter den dortigen Gewässern, die im Einflussbereich der USA liegen, soll sich Gestein befinden, dass 26 Milliarden Fass förderbares Rohöl enthält. Das sind über 4 Billionen Liter, wie das Geologieinstitut der US-Regierung schätzt.

Kein Wunder, bot der Ölkonzern Royal Dutch Shell im Jahr 2008 2,1 Milliarden Dollar für Förderrechte in der Tschuktschensee im Nordwesten Alaskas. Zudem investierte das Unternehmen bislang über 7 Milliarden Dollar in Erkundungsmissionen in arktischen Gewässern. Vertreter von Shell sagen, die Ölbohrungen in der Arktis könnten «bahnbrechend» für die Ölproduktion in den USA werden.

Probebohrungen unter dem Meer

Nun hat die US-Regierung Shell die Erlaubnis erteilt, in der Tschuktschensee nach Öl zu bohren. Noch diesen Sommer will der Konzern zwei Probebohrungen in das ölhaltige Gestein unter dem Meeresgrund durchführen. Die Zeit drängt, denn die Saison dauert nur bis Ende September. Später wird das Meer zufrieren.

Shell-Sprecher Curtis Smith hält sich darüber bedeckt, wie weit die Vorbereitungsarbeiten mit der Bohrinsel Polar Pioneer (siehe Kasten) sind. Das sei vertraulich. Und er betont: «Die Sicherheit bestimmt den weiteren Fortschritt der Bohrungen.»

Dieses Versprechen von Shell nehmen Umweltschützer dem Konzern nicht ab. Sie befürchten unumkehrbare Schäden im empfindlichen Ökosystem der Arktis. Bei einem Leck sei es unmöglich, rasch genügend Technik in die Gewässer zu schaffen, um eine Umweltkatastrophe zu verhindern. Bis heute hätten die Ölkonzerne nicht bewiesen, dass sie ausgelaufenes Öl in den arktischen Gewässern beseitigen können, in denen viel Eis treibt. Die Ölbohrungen sind laut Umweltschützern deshalb eine Gefahr für Tiere wie Eisbären, Walrosse, Seehunde und Wale.

Shell auf die Finger schauen

Man nehme die Bedenken der Umweltschützer ernst, heisst es beim amerikanischen Bureau of Safety and Environmental Enforcement, das die Bewilligung zur Ölförderung in der Arktis erteilt hat. «Shell muss bei der Sicherheit und beim Umweltschutz höchste Standards einhalten», sagt der Chef der Behörde, Brian Salerno. «Wir werden die Aktivitäten von Shell rund um die Uhr verfolgen.»

Die US-Regierung sende widersprüchliche Signale aus, sagen Kritiker. Sie weisen darauf hin, dass Präsident Barack Obama einerseits Ölbohrungen in der Arktis erlaube, andererseits aber die Energieversorgung grüner machen und Ende August Alaska besuchen wolle, um dort über die Gefahren der Klimaerwärmung zu sprechen. «Die Erlaubnis zur Ölförderung in der Arktis sendet das falsche Signal an den Rest der Welt», sagt Niel Lawrence von der amerikanischen Umweltschutzorganisation Natural Resources Defense Council. Statt Bohrungen in der Arktis zu erlauben, solle die Regierung allen klar machen, dass sie voll und ganz für eine Zukunft mit sauberer Energie einstehe.

Lieber selbst Öl fördern

Für das Weisse Haus sind die Ölförderung vor der Küste Alaskas und das Engagement für saubere Energie kein Widerspruch. Sprecher Frank Benenati sagt: «Wir können nicht über Nacht auf erneuerbare Energien umsteigen.» Deshalb treffe die Regierung Massnahmen, um die eigenen Energieressourcen der USA sicher und verantwortungsvoll zu entwickeln – zum Beispiel mit der Ölförderung in der Tschuktschensee.

Das nütze auch der einheimischen Wirtschaft. Obama selbst sagte früher dieses Jahr, er sei sich der Gefahren der Ölbohrungen im Meer bewusst, gerade vor dem Hintergrund der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko 2010. Aber, fügt er an: «Mir ist es lieber, wenn wir mit unseren hohen Sicherheitsstandards Öl fördern, statt es aus anderen Ländern mit tieferen Standards zu importieren.»

Rebecca Noblin, bei der Umweltschutzorganisation Center for Biological Diversity für Alaska zuständig, widerspricht Obama: «Er ist wie ein Arzt, der bei einem Patienten eine Krankheit diagnostiziert, sich dann aber weigert, ihm ein Rezept zu schreiben.» Ihr Kollege Michael Brune von der Naturschutzorganisation Sierra Club ergänzt: «Der Kampf gegen die Ölbohrung in der Arktis ist noch lange nicht zu Ende.»

Bohrinsel von Transocean

Die Bohrinsel Polar Pioneer im Meer vor Seattle.

Die Bohrinsel Polar Pioneer gehört dem Schweizer Konzern Transocean. Reuters

Mit der Polar Pioneer will Shell in der Arktis Öl fördern. Der Konzern hat die Bohrinsel vom Schweizer Unternehmen Transocean geleast. Sie steht seit Ende Juli im Einsatz. Bislang bohrte die Polar Pioneer im Fels oberhalb der Ölvorkommen. Nun darf sie mit dem Segen der US-Regierung tiefer bohren.

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