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Wirtschaft Angst vor Sondermüll in Basel

Die Betreiber des grössten Sondermüll-Verbrennungsofens der Schweiz wollen noch mehr giftige Abfälle verarbeiten. Anwohner in Basel-Kleinhüningen wollen die Bestrebungen von Valorec verhindern.

Mensch in Schutzanzug untersucht Sondermüll.
Legende: Die Firma Valorec verbrennt Sondermüll, den Kehrichtverbrennungsanlagen nicht verarbeiten können. Keystone

«Karrt man den Sondermüll aus der ganzen Schweiz hierher, ist das Gefahrenpotential viel zu gross». Georges Böhler, Präsident des Quartiervereins Basel-Kleinhüningen findet klare Worte zu den Plänen der Firma Valorec. Das Unternehmen will mit einem neuen Zwischenlager noch mehr Sonderabfall verarbeiten. Böhler und sein Verein haben dagegen vor dem Basler Appellationsgericht Beschwerde eingereicht, deshalb darf Valorec das bereits fertiggestellte Lager nicht in Betrieb nehmen.

Das Verbrennen des Sondermüll sei kontrollierbar, gesteht Böhler gegenüber dem Wirtschaftsmagazin «ECO» zwar ein. Er sieht die Gefahr jedoch beim Umfüllen des Sondermülls. Die Anlage liegt in Basel-Stadt, unweit eines Wohnquartiers, an der Grenze zu Deutschland. «Es hat in letzter Zeit viele Unfälle gegeben, vor allem im Ausland», so Bühler.

Schreckmoment violetter Rauch

«Unser Ausbauprojekt ist sicher und gut, und wir sollten es unbedingt realisieren», meint Fritz Binder, Leiter Recycling & Entsorgung bei Valorec, im Interview mit «ECO». Auch die Tatsache, dass in jüngster Vergangenheit violetter Rauch aus dem Kamin der Anlage trat, ändere nichts daran. Mitte 2014 hatte ein Kunde Sondermüll falsch deklariert, es war zu viel Jod darin. Das Ergebnis war weitherum sichtbar. Valorec musste darauf den Verbrennungsprozess nachbessern. Die Basler Behörden und auch Umweltverbände stufen die Anlage als sicher ein.

Violetter Rauch über Verbrennungsanlage.
Legende: Zu viel Jod: Eine violette Rauchwolke über der Sondermüllverbrennung verunsicherte 2014 die Basler Bevölkerung. SRF

Die Beschwerde der Anwohner von Klein-Hüningen gegen das Ausbauprojekt von Valorec kommt am 18. März vor das Basler Appellationsgericht.

Zweifel am Geschäftsmodell

Valorec ist auf Sondermüll aus der ganzen Schweiz angewiesen, weil sein ursprüngliches Geschäft zusammengebrochen ist. Früher lebte das Unternehmen von Abfällen der Basler chemischen Industrie. Diese produziert jedoch praktisch nicht mehr in der Stadt.

«Ich bin mir nicht sicher, ob das Geschäft mit Müll aus der ganzen Schweiz aufgeht», meint der Basler Altlastenexperte Martin Forter. Der Basler Ofen sei eigentlich zu klein und die ausländische Konkurrenz billiger. Deutsche Sondermüllverbrennungsanlagen etwa seien viel grösser und stärker automatisiert.

Valorec hat 300 Mitarbeiter und setzt 150 Millionen Franken um. Das Unternehmen verbrennt nicht nur Sondermüll, sondern verkauft auch die Abwärme des Ofens an die umliegende Industrie. Auch dieses Geschäftsfeld ist rückläufig, weil die Industrie abwandert. Hauptabnehmer sind Novartis und das Stücki-Einkaufszentrum. Rund 20 Prozent der Abwärme gehen jedoch ungenutzt in die Luft.

Legende: Video Vom Seveso-Skandal zum Business abspielen. Laufzeit 1:18 Minuten.
Aus ECO vom 29.02.2016.

Vom Skandal zum Geschäft

Sondermüllverbrennung in Basel hat eine bewegte Geschichte. Sie begann mit dem Chemineunglück im norditalienischen Seveso, als hochgiftiges Dioxin aus einer Fabrik trat und 200 Menschen vergiftete.

Ein halbes Jahr lang irrten 41 Dioxin-Fässer durch Europa. Verbrannt wurde der Chemie-Abfall 1985 in Basel, durch den Chemiekonzern Ciba. Der Ofen, in welchem das Dioxin verbrannt wurde, war Grundstein für die heutige Anlage, die 1996 eröffnet wurde.

Der Ofen ging von Ciba an Novartis über. Novartis lagerte das Geschäft aus und verkaufte die Tochtergesellschaft Valorec vor rund 16 Jahren ins Ausland. Heute gehört Valorec zum französischen Umweltkonzern Veolia. Novartis ist auch heute noch der Hauptkunde von Valorec.

Sondermüllverbrennung

Valorec verbrennt in ihrer Anlage in Basel hochgiftigen Sondermüll, wie Chemie-Abfälle, Rückstände aus der Medikamenten-Produktion sowie Lösungsmittel. 30'000 Tonnen sind es jährlich. Ein spezieller Drehrohrofen vernichtet die Industrieabfälle bei einer Temperatur von bis zu 1100 Grad.

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1 Kommentar

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  • Kommentar von M. Roe (M. Roe)
    Vor allen, soll die Basler Bevölkerung sich nicht jetzt plötzlich beschweren. Die haben Jahrzehnte lang nichts gegen die "Chemie" einzuwenden gehabt, da diese natürlich finanzielle Vorteile brachte. Es ist doch wohl jedem klar, dass Basel und der Rhein, einmal einer "Verseuchung" des mit Beton überzogenen Bodens ausgeliefert ist. Da hatte sicher auch Deutschland und Frankreich viel dazu beigetragen, dass "Aufmüpfer" gebodigt wurden. Der Rest der Schweiz sollte sich ein Beispiel nehmen.
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