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Anreize statt Verbote Wie die Pissoirfliege zum Symbol für «Nudging» wurde

Verhaltensökonom Richard Thaler erhielt den Nobelpreis für seine Arbeit zum Thema «Nudging». Was ist das eigentlich?

Legende: Audio Fliege im Urinal, tiefere Reinigungskosten abspielen. Laufzeit 02:32 Minuten.
02:32 min, aus Echo der Zeit vom 13.10.2017.

«Nudging» heisst auf Deutsch soviel wie «leicht anstupsen». Erfunden – oder besser gesagt verwendet – wird die Theorie des «Anstupsens» von Verhaltensökonomen. Komplett neu ist die Idee aber nicht.

Schon bevor die US-Ökonomen Richard Thaler und Cass Sunstein ihr Buch «Nudge» (deutscher Titel: «Wie man kluge Entscheidungen anstösst») 2008 veröffentlichten, erkannte die Wirtschaftswissenschaft: Menschen lassen sich mit cleveren Anreizen beeinflussen, um sie in eine gewünschte Richtung zu lenken.

Berühmt ist das Beispiel der Toilettenfliege aus den Neunzigerjahren. Der Flughafen Schiphol in Amsterdam wollte die hohen Reinigungskosten von Pissoirs senken. Ein Manager kam auf die Idee, das Bild einer Fliege in die Pinkelbecken zu kleben. Er glaubte, damit erhöhe sich die Zielgenauigkeit der Männer. Und siehe da: In den Pissoirs ging 80 Prozent weniger daneben.

Grosses Interesse seitens der Politik

Die Reinigungskosten sanken entsprechend. Und die Pissoir-Fliege wurde zum Symbol für «Nudging». Politiker nahmen die Idee auf. In den USA und Grossbritannien floss sie schnell in die Regulierungsdebatte ein. Barack Obama war genauso begeistert wie David Cameron. Letzterer schuf sogar eine «Nudge Unit»: Diese half ihm, die Briten dazu zu bringen, mehr Organe zu spenden.

Mittlerweile ist «Nudge» auch in anderen europäischen Ländern angekommen. Oft geht es darum, wie Fragen gestellt werden, respektive wie auf etwas hingewiesen wird. Dazu ein weiteres Beispiel: Am Flughafen Kopenhagen versperrten Raucher immer die Eingänge, weil im Innern des Flughafens Rauchen verboten ist. Das war mit Tafeln auch überall gekennzeichnet.

Anreize in der Regel billiger als Verbote

Die Ansammlung von Menschen an ungünstigen Orten ärgerte die Flughafenleitung. Sie montierte die Verbotstafeln ab. An ihrer Stelle leiten nun Bodenmarkierungen die Raucher dahin, wo Rauchen erlaubt und erwünscht ist.

«Nudges» sind also Alternativen zu Verboten. Sie verursachen weniger Kosten und brauchen keine Gesetzesverfahren. Gezwungen, der Stupserei nachzugeben, werde niemand – das sagen zumindest die Verhaltensökonomen.

«Nudging darf nie Zwang sein»

Matthias Sutter
Legende: Imago

Das Anwenden von «Nudging» ist umstritten. Weshalb, beantwortet der österreichische Verhaltensökonom Matthias Sutter, Direktor am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern, in diesem Gespräch.

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5 Kommentare

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  • Kommentar von Alex Bauert (A. Bauert)
    Die Werbung für mehr Organspenden gehört auch dazu? Woher nimmt der Staat die Legitimation, die Bevölkerung zu beeinflussen, wenn das gegenteilige Verhalten genauso legal und ok ist, wie das, das sich paar Leute beim Staat wünschen? Gesund essen senkt klar die Gesundheitskosten, doch wer bestimmt, dass dieses Verhalten das Richtige ist?
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  • Kommentar von Beatrice Mayer (signorinetta)
    "Gezwungen, der Stupserei nachzugeben, werde niemand – das sagen zumindest die Verhaltensökonomen." Dieses Nudging wird mittlerweile überall angewandt, Regierungen lassen sich beraten, um die "richtigen" Nudging-Meldungen raus zu geben. Medien machen es mittlerweile von sich aus. Eigentlich muss man es Manipulation nennen.
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  • Kommentar von Robert Frei (RFrei)
    Der Fall der Fliege am Flughafen Schipohl hat einen anderen Hintergrund. Die Pissoirmuscheln waren dort nämlich zu tief angeordnet, um das Glied zur Blasenleerung hinreichend zu strecken. Da war es billiger ein Fliegenbild aufzukleben anstatt die Muscheln höher zu setzen. Jetzt zielt man wohl auf die Fliege, das Glied ist aber für eine vollständige Entleerung zu stark geknickt, und den Rest nimmt dann der Benutzer in der Unterhose mit nach Hause. Hauptsache die Wand ist nicht angespritzt ...
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