Zum Inhalt springen
Inhalt

Arbeitskampf bringt Probleme Air France – ein Gigant am Abgrund

Chaos total: Arbeitskampf, Flugzeuge am Boden, der Chefpilot geht von Bord und die Aktien sind im Sturzflug.

Legende: Video Chaos bei der Air-France abspielen. Laufzeit 01:47 Minuten.
Aus Tagesschau vom 16.05.2018.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Lohnstreit bei Air France ist eskalier und hat bis jetzt schon mehr gekostet, als die Angestellten verlangen.
  • Schaden nimmt nicht nur der Ruf der Airline, auch der ganze Konzern Air France-KLM ist betroffen.
  • Die kleinere KLM fliegt zwei Drittel des Gewinns ein, während Air France auf Kurz- und Mittelstrecken Verluste macht.
Legende: Video Aviatik-Experte zeigt Verständnis für Personal abspielen. Laufzeit 00:18 Minuten.
Aus Tagesschau vom 16.05.2018.

Der seit Monaten andauernde Lohnstreit hat das Luftfahrtunternehmen inzwischen schon mehr gekostet, als die Angestellten fordern: An den 15 Streik-Tagen wurden fast 400 Millionen Euro vernichtet.

Die Gewerkschaften fordern 5,1 Prozent mehr Lohn. Keine abwegige Forderung für den Aviatik-Experten Yann Cochennec: «Das Unternehmen ist seit 2011 auf einem harten Sparkurs. Die Gehälter wurden damals eingefroren, man hatte keine andere Wahl. Also ist es nur logisch, auch menschlich, dass man jetzt, wo es dem Unternehmen besser geht, etwas zurückerhalten will für die Anstrengungen während der letzten sechs, sieben Jahre.»

KLM sorgt für den Konzerngewinn

Doch den Rekordgewinn von fast 1,5 Milliarden Euro letztes Jahr, den verdankt der Konzern hauptsächlich der holländischen Partnerin KLM. Auf Mittel- und Kurzstrecken fliegt Air France Defizite ein. Die Geschäftsleitung sichert für 2018 deshalb lediglich eine Lohnerhöhung von 2 Prozent zu und auf die folgenden drei Jahre verteilt weitere 5 Prozent.

Zu wenig, um das Cockpit-Personal von Streiks abzuhalten. Dabei gehören die französischen Piloten zu den bestbezahlten der Branche. Ein langjähriger Bordkommandant verdient 20’000 Euro monatlich, mehr als seine Kollegen bei Lufthansa oder British Airways.

Hoch gepokert und verloren

Um die Gewerkschaften unter Druck zu setzen, liess Konzernchef Jean-Marc Janaillac die über 40'000 Angestellten über das Lohn-Angebot abstimmen und verknüpfte mit dem Mitarbeitervotum zugleich sein eigenes Schicksal: «Gibt es ein Nein, sehe ich keine Möglichkeit, Chef zu bleiben.»

Es kam, wie es kommen musste: Das Angebot wurde mit 55 Prozent abgelehnt, Janaillac musste gehen. Und die Air France/KLM-Aktien stürzten in den Keller, brachen zeitweise über 14 Prozent ein.

Bug eines Air-France-Flugzeugs, dahinter die Heckflosse einer andern Air-France-Maschine
Legende: Ramponierter Ruf: Die Maschinen der Air France stehen häufig am Boden, statt zu fliegen. Reuters

Defizite im Europaverkehr

Der Sozialkonflikt und die damit verbundenen Kosten schwächen Air France weiter. Mit den Tochtergesellschaften Hop und Transavia hoffte die Airline, mit Billiganbietern wie Easy Jet oder Ryanair mithalten zu können. Doch wie die Lufthansa oder British Airways schafft es auch Air France nicht, auf Europastrecken profitabel zu arbeiten.

Die Gewinne erwirtschaften die klassischen Airlines auf der Langstrecke, wo sie aber viel Geld in die Erneuerung ihrer Kabinen und ihres Produkts stecken müssen, um den aufstrebenden Airlines aus der Golfregion oder Asien Paroli zu bieten.

Der Ruf leidet

Auch wenn jeder Streiktag 23 Millionen Euro kostet – der Reputationsverlust trifft das Unternehmen noch empfindlicher. Geschäftsleute wenden sich von der alteingesessenen Fluggesellschaft ab und buchen lieber andere Airlines, die den Flugplan auch einhalten.

Deshalb mischte sich nun auch Frankreichs Wirtschaftsminister Bruno Le Maire in den Konflikt ein. Er rief die Mitarbeiter der Fluggesellschaft und insbesondere die Piloten dazu auf, Vernunft anzunehmen. «Das Überleben von Air France steht auf dem Spiel». Die französische Regierung hält immer noch ein 14-Prozent-Aktienpaket an der 2003 fusionierten Air France-KLM. Le Maire betonte, der Staat werde nicht rettend eingreifen.

Air France/KLM ist ein privates Unternehmen, unterstreicht Yann Cochennec, Chefredaktor des Magazins «Air&Cosmos». Doch es sei an der Zeit, dass der Staat darauf verzichte, Technokraten an die Konzernspitze zu setzen, die wenig vom Geschäft verstehen. «Und das Personal muss begreifen, dass Air France nur mehr eine Marke ist, ein Dienstleistungsunternehmen, das die Passagiere sicher von A nach B bringt.»

Weitere Konflikte programmiert

Ein Zwist bahnt sich mit der Partnerin KLM an. Diese fliegt ihr Pensum nicht nur ohne zu streiken; die viel kleinere Airline erwirtschaftet auch zwei Drittel des Gewinns. Da kommen unweigerlich Gedanken an die Swiss auf, die im Lufthansa-Konzern als «cash cow», als Goldesel gilt. Mit schlanken Strukturen erwirtschaftet sie Gewinne, derweil die Lufthansa-Piloten in den letzten Jahren bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit zum Mittel Streik griffen. Damit sorgten sie nicht nur für wirtschaftlichen Schaden, sondern auch für ein ramponiertes Ansehen.

Die Air France hat nicht viel Zeit, wieder Flughöhe zu gewinnen. Die Gewinnaussichten für europäische Airlines sind deutlich trüber als letztes Jahr, und der Kerosinpreis steigt.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

17 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Thomas Käppeli (Tokapi GT)
    Den Giganten fehlt es an Flexibilität und Anpassungsvermögen. Mussten in der Natur schon die Dinosaurier schmerzlich erfahren. Die Welt braucht AF nicht, aber AF die Welt und ist daran es mit ihr zu verspielen. Ein allfälliges AF-Grounding und entstehendes Vakuum im Flug-Unwesen, wird schnell durch andere übernommen. Auch die Schweizer fliegen ohne Swissair weiter und mehr als je zuvor. Ganz zum Leidwesen für die Umwelt.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Peter Imber (Wasserfall)
    Es wird kein Grounding der AF geben. La Grande (schon lange passé) Nation wird das nicht zulassen. Der Staat wird AF finanziell stützen, auch wenn das gegen EU-Gesetze verstösst. Die EU wird es akzeptieren, da es sich ja nicht bloss um DE, DK, IE etc. handelt. Die Gewerkschaften werden dann noch grössere Forderungen stellen, der Dienst am Kunden noch schlechter werden und die finanzielle Lage von AF noch schlimmer werden etc. So läuft das in FR in Politik und mit Gewerkschaften und Streiks.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Rolf Bolliger (rolf.bolliger@quickline.ch)
    Zu diesem grossen Problem der "Air France" tragen die arroganten und sturen Gewerkschaften den Hauptanteil! Warum gibt in solchen Streiks- oder Arbeitsverweigerungen Macron nicht endlich "den Tarif" durch? Frankreich wird mit solcher Arroganz der Gewerkschaften bald zu einem 2. "Griechenland" verkommen! Es war und ist in der Politik und Wirtschaft immer so: Statt am Tisch anständig mit dem Arbeitgeber zu verhandeln, wehen Fahnen und ertönen Schrillpfeifen auf den Strassen!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von antigone kunz (antigonekunz)
      Auf der einen Seite: arbeitverweigernd, arrogant, stur = Gewerkschaft und Arbeitenden. Auf der anderen Seite: anständig, verhandlungsbereit = Macron, Politik und Wirtschaft und die Arbeitvondenanderenleihenden auch Arbeitgeber genannt. Dann Griechenland gleich mit zu den verkommenen ..... Apropos Griechenland es gibt da ein gutes kleines Gespräch mit Saskia Sassen: Rethinking Europe - Saskia Sassen in Athens - The interview .... Da geht es um Verluste und Gewinne...
      Ablehnen den Kommentar ablehnen