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Armenhaus oder Zukunftsmarkt? Das kann Bangladesch der Schweiz bieten

Bundespräsident Berset will die Banden zwischen Bern und Dhaka stärken. NZZ-Korrespondent Pabst sagt, ob sich das lohnt.

Welches Ziel verfolgt Berset in Bangladesch? Bundespräsident Alain Berset ist am Sonntag zu einer Reise nach Asien aufgebrochen. Seine erste Station ist Bangladesch. Auf dem Programm steht unter anderem ein Treffen mit hochrangigen Politikern und Repräsentanten von Schweizer Unternehmen, die in Bangladesch tätig sind. Es soll das Potential der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Ländern ausgelotet werden.

Warum ist Bangladesch interessant? Für Pabst hat das Land der Schweiz durchaus etwas zu bieten: «Bangladesch ist wie auch das Nachbarland Indien ein Schwellenland und hat mit seinen 170 Millionen Einwohnern ähnliche Vorzüge.» Und: Das Land gilt als günstiger Produktionsstandort für viele westliche Konzerne. Entsprechend gebe es durchaus interessante Möglichkeiten für Schweizer Unternehmen, in oder mit Bangladesch tätig zu werden. Allerdings sind die Handelsbeziehungen zwischen den beiden Ländern derzeit nicht besonders intensiv.

Wie kann das Potenzial genutzt werden? Für Schweizer Unternehmen gehe es vor allem darum, Bangladesch verstärkt als Produktionsstandort nutzen zu können, sagt Pabst: «Dabei verhält es sich ähnlich wie mit Indien. Nur eben auf kleinerer Flamme.» Im Land gebe es relativ gut ausgebildete Fachleute, und auch einige Schweizer Grosskonzerne hätten die Möglichkeiten im Schwellenland bereits erkannt: «Novartis etwa ist schon länger im Land und produziert dort. Man findet in Bangladesch gut ausgebildete Chemiker und Pharmazeuten.»

Bauern tragen Heu über ein Feld.
Legende: Die Hälfte der Bevölkerung Bangladeschs ist nach wie vor in der Landwirtschaft tätig. Reuters

Bietet auch der Binnenmarkt Möglichkeiten? Durch die ausländischen Investitionen und zunehmende Einbindung in den Weltmarkt wächst in Bangladesch auch eine Mittelschicht heran, die sich immer mehr leisten kann. In der Liste der bevölkerungsreichsten Länder der Welt steht Bangladesch an achter Stelle: «All das macht das Land auch als Binnenmarkt interessant. Zum Beispiel Nestlé ist aktiv im Land; der Konzern verkauft oft sehr günstige Sachen wie Fertignudeln und ähnliches.»

Ist Bangladesch mehr als ein Billiglohnland? Nichtsdestotrotz dominiert hierzulande das Bild von Bangladesch als Billiglohnland. Auch der NZZ-Korrespondent kann dies nicht blosses Klischee abtun: «Das Bild ist aber vielleicht nicht ganz vollständig.» Die Textilindustrie erwirtschafte 80 Prozent der Exporteinnahmen. Und fraglos sei Bangladesch ein Billiglohnland, der Mindestlohn im Textilbereich liege bei 40 Franken im Monat. Aber: «Es gibt inzwischen auch Möglichkeiten, besser ausgebildete Leute anzustellen.»

Darf man in Bangladesch Geschäfte machen? Aus der Textilindustrie erreichen uns immer wieder Nachrichten über desolate Arbeitsbedingungen. Pabst sieht hier auch die Konsumenten in der Verantwortung: «Die Leute in Bangladesch sagen nicht ganz zu Unrecht, dass auch die Abnehmer in den westlichen Ländern nicht ganz unschuldig an den Bedingungen seien. Schliesslich seien sie auch nicht bereit, höhere Preise zu bezahlen.» Gleichzeitig fühlten sich viele zu Unrecht an den Pranger gestellt, da in etlichen Länder der Region oder auch in Ostafrika vergleichbare Produktionsbedingungen vorherrschten.

Eingestürzte Gebäude nahe Dhaka, 2013
Legende: Ein verheerendes Unglück mit über 1000 Toten löste 2013 Proteste in der Bevölkerung gegenüber ausbeuterischen Arbeitsbedingungen aus. Reuters

Kann die Schweiz die Lage zum Besseren verändern? Vor bald fünf Jahren stürzte nahe der Hauptstadt Dhaka ein neunstöckiges Gebäude ein, das fünf Textilfabriken beherbergte. Über 1000 Menschen starben. Nach dem Unglück hätten sich die grössten ausländischen Einkäufer von Textilprodukten aus Bangladesch zusammengeschlossen: «Durch den Druck der Konsumenten konnten sie auch bedeutende Verbesserungen durchsetzen.» Für Schweizer Firmen und Konsumenten sei es wichtig, auch hier mitzumachen, sagt Pabst: «Auch wenn die Schweiz alleine wenig ausrichten kann.»

Volker Pabst

Volker Pabst

Seit 2012 ist Pabst (geb. 1979) Mitglied der NZZ-Auslandredaktion, seit Herbst 2014 Korrespondent in Delhi für die Region Südasien.

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Alex Bauert (A. Bauert)
    Die Schweiz profitiert in Milliardenhöhe via tiefe Textilienkosten und kommt mit läppischen 12 Millionen in der Hand ... peinlich, nur einfach peinlich!
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  • Kommentar von Beat. Mosimann (AG)
    BR Berset geht nach Bangladesch, ich erwarte, dann auch dass die Kleiderproduktion nicht billig sondern AB jetzt eine Änderung der Produktion verhandelt wird, weiter erwarte ich das Sicherheit an erster Stelle steht, für die Arbeiter/ innen dort, plus einen Landesüblichen guten Lohn erzielt werden kann.!. Erst wenn ich dessen sicher sein kann, werde ich ein Kleidungsstück Made in Bangladesch kaufen.!.
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  • Kommentar von Bernd Steimann (Bernd Steimann)
    Die offizielle Schweiz könnte durchaus etwas ausrichten - wenn sie (genauso wie Privatkonsumenten) sozial verantwortungsvoll einkaufen würde. Leider geschieht das beim Bund, bei Kantonen & Gemeinden noch immer viel zu selten, und so werden Armeeuniformen, Randsteine oder IT nach wie vor allzu oft unter höchst fragwürdigen Umständen produziert. Mit einem Beschaffungsvolumen von 40 Mrd. CHF/Jahr hätte die Schweiz einen beachtlichen Hebel; was fehlt, ist der politische Wille zu Verbesserungen.
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