Ausverkauf der Schweizer Firmen an die Chinesen?

Der Verkauf des Agrochemiekonzerns Syngenta für sagenhafte 43 Milliarden nach China war ein Weckruf. Warum häufen sich die Übernahmen durch Chinesen? Was sind ihre Motive? Eine Einschätzung von Ostasien-Spezialist Mikko Huotari.

Chinas Flagge.

Bildlegende: «Wir gehen demnach davon aus, dass es künftig zu einer Welle von Kapitalströmen aus China kommt», sagt Mikko Huotari. Keystone

SRF: Die staatliche chinesische Firma ChemChina hat diese Woche bekannt gegeben, dass sie den Schweizer Agrochemiekonzern Syngenta für 43 Milliarden Franken kaufen will. Zuvor hatte das Unternehmen bereits den italienischen Reifenhersteller Pirelli übernommen. Ist dies der Anfang einer neuen Zeit?

Mikko Huotari: Wir denken, dass es hier in der Tat um eine neu Ära chinesischen Kapitals geht. Die Bedingungen in der chinesischen Wirtschaft werden immer problematischer für die dortigen Unternehmen. Sie können im chinesischen Markt keine produktiven Investitionen mehr tätigen in dem Ausmass, in dem sie das früher getan haben und geraten in einen unglaublichen Wettbewerbsdruck. Auslandsinvestitionen sind ein Weg, um im Wettbewerb zu bestehen. Dazu kommt, dass die chinesische Regierung eine Industriepolitik macht, die Auslandsinvestitionen massiv fördert. China geht es beispielsweise um den leichteren Zugang zum Kapital. Wir sehen also Investitionen, die im Interesse des Staates stehen. Wir gehen davon aus, dass es künftig zu einer Welle von Kapitalströmen aus China kommt.

Muss man sich Sorgen machen, dass ein Ausverkauf von westlichen Errungenschaften nach Osten statt findet?

Das würde ich nicht so sehen. Wir haben beispielsweise innerhalb der EU etwa 1000 grössere Übernahmen angeschaut. Da zeigt sich, dass diese Sorgen unberechtigt sind. In den meisten Fällen bezahlen chinesische Unternehmen einen guten Preis für europäische Technologien und dementsprechend handelt es sich um marktübliche Praktiken. Man hat bislang gute Erfahrungen mit Übernahmen durch Chinesen gemacht. Selten gab es grössere Probleme oder Schwierigkeiten, die man nicht auch mit anderen Übernahmen gehabt hätte.

Marktüblich ist auch, dass Arbeitsplätze verloren gehen.

Richtig, aber das gilt nicht spezifisch für chinesische Unternehmen. Das wird bei jeder Übernahme angeschaut. Solange Firmen für Investoren offen sind, egal woher sie kommen, ist mit solchen Prozessen zu rechnen.

Was muss ein Unternehmen denn bieten, damit es auf dem Einkaufszettel der Chinesen landet?

Das ist von Sektor zu Sektor unterschiedlich. In Europa geht es um Markenfirmen und Unternehmen mit Technologie-Patenten. Letztendlich wollen Unternehmen aus China ihre Wertschöpfungskette verbessern. In der Schweiz und Deutschland geht es also häufig um gut geführte Technologie-Unternehmen. An diesen Perlen haben chinesische Unternehmen grosses Interesse.


China auf Einkaufstour in Europa

5:54 min, aus Echo der Zeit vom 06.02.2016

Kennt man das Ausmass dieser Investitionen?

Das ist in der Tat ein Problem. Es gibt in Europa keinen systematischen Versuch, die Übernahmen und Neugründungen genau zu verfolgen. Wir haben versucht, das bei knapp 1000 Übernahmen und Direktinvestitionen zu tun. Wir wissen beispielsweise, dass es in der EU 15 grössere Übernahmen von über einer Milliarde gab. Im Bereich von über 500 Millionen waren es etwa 30 oder 35 grosse Übernahmen. Insofern passiert einiges, eine Entwicklung, die in den letzten Jahren zugenommen hat. Wir erwarten nicht, dass diese Entwicklung zu einem Stopp kommt.

Nun steht offenbar zur Diskussion, Syngenta von der Börse zu nehmen. Wie gut das Unternehmen dann geführt wird, entzieht sich also künftig unserer Kenntnis?

Die Frage der Transparenz ist ein Problem. Aber auch das ist nicht unbedingt etwas China-spezifisches. Ich gehe davon aus, dass in der Schweiz oder in Europa genügend Transparenzpflicht besteht, um zu verstehen, was dort passiert. Bei grossen Investitionen aus dem Bereich von Staatsunternehmen wissen wir allerdings nicht genau, wie die Unternehmen zuhause funktionieren und wo deren Geld herkommt.

Das Gespräch führte Simone Fatzer.

Zur Person

Zur Person

Mikko Huotari ist Ostasienspezialist beim Mercator Institut für China-Studien in Berlin. Vorher lehrte und forschte er am Lehrstuhl für Internationale Politik an der Universität Freiburg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen aussenpolitische Strategie, chinesisch-europäische Beziehungen sowie die regionale Ordnung in Ostasien.