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Wirtschaft Banken sollen Eigenkapital mit unerprobten Instrumenten erhöhen

Schweizer Grossbanken sollen mit Pflicht-Wandelanleihen ihr Eigenkapital erhöhen, um krisensicher zu werden. Diese neuen «Too big to fail-Kapitalanforderungen» haben Bundesrat, Finma und SNB letzte Woche vorgestellt. Doch namhafte Ökonomen kritisieren, diese Instrumente seien heikel.

Paradeplatz am Abend.
Legende: Hartes Eigenkapital + Cocos – Macht das die Schweizer Grossbanken weltweit führend, oder ist es heikel? Reuters

Das Thema in Kürze:

  • Schweizer Grossbanken müssen neue Eigenkapital-Anforderungen von 5 Prozent erfüllen.
  • Das Eigenkapital soll zu 3,5 Prozent aus Aktien und zu 1,5 Prozent aus Pflicht-Wandelanleihen (Cocos) bestehen.
  • Max-Planck-Professor Martin Hellwig sagt: Cocos bergen systemische Risiken.
  • Universität-Bern-Professor Aymo Brunetti entgegnet: Diese Cocos sind fast wie hartes Eigenkapital.

Eine Bankenrettung à la UBS wollen Bundesrat, Finanzmarktaufsicht und Nationalbank nicht mehr stemmen müssen. Darum haben sie neue «Too big to fail-Kapitalanforderungen» formuliert. Künftig sollen Schweizer Grossbanken 5 Prozent Eigenkapital vorweisen, um im Krisenfall sicher zu sein.

Finma-Direktor Mark Branson lobte die neuen Anforderungen, die er zusammen mit Nationalbank-Präsident Thomas Jordan und Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf letzten Mittwoch der Öffentlichkeit vorstellte: «Diese 5 Prozent sind die besten 5 Prozent, die es auf der Welt gibt – im Sinne von Qualität.» Niemand sonst, so der Finma-Chef weiter, habe höhere Anforderungen.

Neue systemische Risiken

Doch die neuen Schweizer «Too big to fail-Kapitalanforderungen» haben einen Haken: Von 5 Eigenkapital (Leverage Ratio) müssen die Grossbanken nur 3,5 Prozent in Form von wirklich hartem Eigenkapital, also Aktien, halten. Die restlichen 1,5 Prozent sind sogenannte Cocos (s. Box).

Legende: Video Martin Hellwig über Cocos abspielen. Laufzeit 02:39 Minuten.
Aus ECO vom 26.10.2015.

Martin Hellwig, Direktor des Max-Planck-Instituts für Gemeinschaftsgüter in Bonn, kritisierte Cocos bereits im August 2015 im Interview mit «ECO»: «Das Problem ist, wenn man in die Nähe der Schwellenwerte kommt, werden alle möglichen Leute plötzlich nervös und dann gibt es die Möglichkeit, je nachdem, wie das austariert ist, dass bestimmte Marktteilnehmer anfangen, besonders Aktien zu verkaufen, weil sie Angst haben.»

Es sei auch denkbar, dass Leute die Märkte in so einem Moment manipulieren wollen. Die Literatur zu solchen Instrumenten sage, dass sie systemische Risiken eigener Art schaffen würden.

Günstiges Fremdkapital

Aymo Brunetti widerspricht. Der Wirtschaftsprofessor von der Universität Bern war bis Ende 2014 Leiter einer vom Bundesrat eingesetzten Expertengruppe zur Weiterentwicklung der Schweizer Finanzmarktstrategie. Im Interview mit «ECO» sagt er: «Die Cocos, die hier eingesetzt werden, sind extrem hart im internationalen Vergleich.» Nur schon für diese Lösung sei hart mit den Grossbanken gerungen worden: «Sie können sicher sein: Wenn die Banken das alleine hätten entscheiden können, wären ganz andere Vorgaben herausgekommen.»

Legende: Video Aymo Brunetti im Interview zum Thema Cocos abspielen. Laufzeit 01:07 Minuten.
Aus ECO vom 26.10.2015.

Grossbanken wehren sich gegen mehr Eigenkapital mit dem Argument, es sei teurer als Fremdkapital, das von den Steuern abgezogen werden kann.

Das sei, sagt Martin Hellwig, ein europäisches Problem: «Wenn man einen amerikanischen Banker fragt, sagt der, wir sind an Cocos gar nicht interessiert, denn in den USA werden die nicht steuerwirksam. Europäische Banker sind daran interessiert, weil die Zinsen darauf bei der Steuer abgesetzt werden können.» Ein solcher Steuereffekt sollte nicht dazu führen, dass neue systemische Risiken entstünden.

Aymo Brunetti räumt Verzerrungen im Steuersystem ein: «Man könnte jetzt sagen, man müsste das korrigieren.» Aber das wäre dann eine Riesen-Reform, die noch viel weiter gehen würde. «Mir ist lieber, wir haben jetzt eine Reform, die relativ schnell die Banken deutlich sicherer macht als irgendeine Möglichkeit, die wir dann mal in zehn Jahren realisieren.»

Sehen Sie das gesamte «ECO»-Interview mit Aymo Brunetti hier.

Cocos

Contingent Convertibles (Cocos) sind Wandelanleihen (Obligationen), die im Krisenfall in Aktienkapital gewandelt werden. Der Krisenfall tritt dann ein, wenn das Eigenkapital einer Grossbank unter einen kritischen Wert sinkt: Dann werden die Cocos, die Krisen-Obligationen, zu Aktien.

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2 Kommentare

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  • Kommentar von Udo Gerschler (UG)
    Das einzige was alles überdauert ist Gold.Warum hat die Schweiz im Jahre 2000 auf diese Experten statt gesunden Menschenverstand vertraut.Das damals verkaufte Gold gibt es heute noch aber das Geld ist weg.
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  • Kommentar von Bruno Vogt (b.vogt)
    Wie schützen sie uns bsw. vor den Derivaten Hr Brunetti? Wer weiss wie viele Billionen dort drin stecken? Das System ist längstens ausser Kontrolle und ein gänzlicher Systemwechsel muss her, ob mit oder ohne Wandelanleihen, 5% Eigenkapital werden nicht ausreichen. Banken müssen Konkurs gehen können, nur so kann sichergestellt werden das diese versuchen ihre Risiken zu minimieren. Was wir heute haben ist ein System welches Gewinne für Aktionäre und Banker abwirft, Verluste aber verallgemeinert.
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