Bargeldlos zahlen: «Der Chip in unserer Haut ist Realität»

Wie verändert sich unser Verhältnis zum Geld, wenn wir es nicht mehr physisch mit uns herumtragen? Futurist Gerd Leonhard sagt, wie wir künftig zahlen und in welche Richtung sich das Geldsystem verändern könnte.

Eine Person hält ein Handy an einen Automaten

Bildlegende: Mit dem Handy bezahlen ist schon Realität. Was kommt danach? Keystone/Archiv

SRF News: Es gibt Menschen, die haben ein leichtes Kribbeln in den Fingern, kurz bevor das Geld aus dem Bankomaten rauskommt. Sie auch?

Gerd Leonhard: Es ging mir früher ähnlich. Aber mittlerweile kaufe ich meistens ohne Bargeld. In den nächsten fünf bis acht Jahren werden viele der so genannten Digital Natives, also jene, die mit Internet und Handy aufgewachsen sind, komplett zum bargeldlosen Bezahlen übergehen. Ich schätze, es werden in der Schweiz etwa 50 Prozent der Menschen sein. In anderen Regionen wird es noch schneller gehen, etwa in Grossbritannien. Da werden es im gleichen Zeitraum 80 Prozent sein.

Haben wir künftig einen Chip in der Haut, mit dem wir bezahlen können?

Der Chip in unserer Haut ist bereits Realität. Wenn man zum Beispiel in Miami Beach in einen bestimmten Beachclub geht, bekommt man einen ganz kleinen Plastikchip in den Oberarm eingeschossen. Mit diesem kann man in den Badehosen den Drink bezahlen, ohne dass man eine Geldbörse herumträgt. Das ist aber sicherlich in der Schweiz noch nicht denkbar, da es kulturell noch vollkommen inakzeptabel ist – zum Glück würde ich sagen.

Womit wird in naher Zukunft in der Schweiz bargeldlos bezahlt?

Viele werden nicht mehr mit Kreditkarte, sondern mit dem Handy bezahlen. Schon jetzt ist aber absehbar, dass das Gerät immer näher an den Körper oder gar in den Körper hineinkommt. Erst ist das Handy in unserer Hand, dann wird es vielleicht auf unserer Uhr sein, dann zieht das Handy auf unsere Brille oder auf unseren Augen. Bis beispielsweise zur Iris, wo das Auge gewisse Befehle geben kann, je nachdem, wo wir hingucken. Hirn und Computer werden verbunden. Solche Geräte gibt es schon für Gelähmte. Noch ist alles viel zu teuer, aber bis in zehn Jahren werden wir den Geräten mit einem Auge, einem Gedanken oder mit dem kleinen Finger Befehle geben können. Das wird so normal werden wie SMS schreiben.

Wird sich unser Verhältnis zum Geld verändern, wenn wir es nicht mehr physisch mit uns herumtragen?

Sicher, wir werden das Geld vielleicht spontaner und auch schneller ausgeben. Und wir werden auch den Dingen, die wir kaufen, weniger Bedeutung beimessen, denn alles ist im Überfluss vorhanden. Besitz allgemein wird für manche von uns nicht mehr so wichtig sein. Dafür werden wir mehr Geld für echte und einmalige Erfahrungen ausgeben. Wir werden also lieber 100‘000 Franken für einen zweijährigen globalen Trip ausgeben, als für eine Wohnung zu sparen. Es gibt die Tendenz, Besitz zu teilen, etwa das Haus, das Auto oder das Motorrad. Das nennt man die sogenannte Sharing Economy.

Unser Geldsystem funktioniert so lange, so lange wie wir alle daran glauben, dass ein Papierschein wirklich einen Gegenwert besitzt. An den Gegenwert einer Zahl auf dem Papier zu glauben wird noch abstrakter. Wird das Geldsystem volatiler werden?

Die Dematerialisierung findet überall statt, nehmen Sie etwa die Musikbranche oder eBooks. Wir müssen uns deshalb grundsätzliche Fragen neu stellen: Wem können wir vertrauen? Wer regelt den Umgang mit den Daten? Wer kontrolliert? Da werden wir neue Instanzen brauchen.

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0:00 min, vom 18.12.2017

Können Sie sich einen baldigen Systemwechsel vorstellen? Gar einen, ohne Geld?

Im Moment sehen wir, dass sich das Rad immer schneller dreht: Es gibt immer mehr Angebote und immer mehr Überfluss, wir haben immer mehr Optionen, ob es um Musik, Filme oder Reisen geht. Die radikale Verschnellerung des Lebens durch Technologie ermöglicht dies. Ich halte es da mit Jeremy Rifkin und seiner These der «Collaborative Economy»: Die Spirale des Immer-schneller, Immer-billiger ist auf die Länge nicht durchhaltbar und wird kollabieren. Mit dem Niedergang des Systems könnte auch ‘Geld’ wie wir es kennen, dereinst bedeutungslos werden. Die grosse Frage ist: Was passiert mit der Arbeitskraft des Menschen, die nicht mehr in dem Ausmass gebraucht wird? Wie verdienen die Menschen ihr Geld? Wenn es nicht um ‘Arbeit für Geld’ geht, warum dann?

Haben Sie eine Antwort?

Ich denke, der Kapitalismus hat sich eigentlich nicht schlecht bewährt, und es gibt wohl keine wirkliche Alternative – bis jetzt. Aber in der Zukunft brauchen wir eine neue Variante davon. Unsere Gesellschaft muss wieder mehr wie ein Ökosystem funktionieren, also mehr wieder zur Kreislaufwirtschaft zurückfinden. Wir werden auch eine neue Art von Börse sehen, die nicht nur auf den schnellen Profit ausgerichtet ist, sondern eine, die langfristige und erneuerbare Werte belohnt. Eine Börse auch, die eventuell ohne das Zwischenmittel Geld auskommt. Ein System auch, das die Arbeitskraft des Menschen neu bewertet und einsetzt.

Das Gespräch führte Christa Gall.

Zur Person

Zur Person

Gerd Leonhard ist Futurist und Zukunftsberater. Er tritt in aller Welt vor Führungskräften und Fachleuten auf. Das «Wall Street Journal» bezeichnet ihn als «einer der führenden Medienfuturisten der Welt». In Arlesheim (BL) ist er CEO der Firma «The Futures Agency».

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

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    Roland Wermelinger

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    Beim St. Galler Open Air im Sittertobel können die Festival-Besucher zum ersten Mal bargeldlos bezahlen – mit einem Chip am Festivalbändel. Das Ziel ist mehr Sicherheit. Aber im Moment sorgt das neue System noch für Pannen.