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Fusion Clariant und Huntsman «Bei uns wird das nicht schiefgehen»

Drei Jahre hat Clariant den idealen Partner gesucht. Nun kommt die Fusion mit Huntsman. Die CEOs sind zuversichtlich.

Legende: Video Hariolf Kottmann, weshalb eine Fusion und keine Übernahme? abspielen. Laufzeit 01:05 Minuten.
Aus ECO vom 22.05.2017.

DaimlerChrysler gilt als oft zitiertes Paradebeispiel einer grandios gescheiterten Fusion zweier gleichberechtigter Partner. Der sogenannte Merger of Equals (MoE) mündete schliesslich in die Abspaltung von Chrysler durch Daimler. Hariolf Kottmann und Peter Huntsman, die CEOs der beiden Spezialchemie-Konzerne Clariant und Huntsman, wollen es besser machen.

Sitz in Basel – Operatives Geschäft in Texas

In einem Exklusiv-Interview mit dem Wirtschaftsmagazin «ECO» vor Bekanntgabe der Fusionspläne sagte Peter Huntsman, Sohn des Firmengründers und Chef des US-Familienunternehmens: «Die Kultur beginnt bei den beiden CEOs. Beide müssen Kompromisse machen, beide müssen etwas aufgeben. Wir nehmen Clariant und Huntsman und kreieren daraus etwas Anderes. Wenn wir lediglich eine grössere Huntsman oder eine grössere Clariant formen wollten, würde es nicht funktionieren. Wir sind entschlossen, etwas Besseres zu machen als das, was jede Firma für sich bereits war.»

Ob das gelingt? Die geplante Fusion ist eine Aneinanderreihung von Kompromissen: Die neue Firma soll HuntsmanClariant heissen. Sie wird ihren Sitz in Basel haben, das operative Geschäft hingegen wird aus Texas geleitet.

Peter Huntsman wird Konzernchef, Hariolf Kottmann fungiert wiederum als Verwaltungsratspräsident und wird damit faktisch Huntsmans Chef. Denn das fusionierte Spezialchemie-Unternehmen ist nach Schweizer Recht organisiert. Der Verwaltungsrat wird zu gleichen Teilen mit Vertretern beider Firmen besetzt. Und, auch das ein Kompromiss, HuntsmanClariant wird in den USA und an der Schweizer Börse gelistet sein.

Einsparungen, aber kein Jobabbau in der Schweiz

Das neue Unternehmen wird mit einem Umsatz von rund 13 Milliarden Dollar schlagartig in die obere Liga der Spezialchemie-Konzerne katapultiert – dorthin, wo Kottmann Clariant immer haben wollte. «Die Clariant wird sich durch diesen Merger auf einen ganz anderen Level an Wachstum, an Finanzstärke, an Wettbewerbsfähigkeit in der chemischen Industrie integrieren.

Und das ist entscheidend. Die Zukunft der Spezialchemie wird global in den nächsten fünf, sechs, zehn Jahren von vielleicht sieben, acht Firmen geprägt. Und das sind alles Firmen, die heute über 15, 16, 17 Milliarden Umsatz haben, die 2,5 bis 3 Milliarden Ebitda erzeugen, die einen Free Cash Flow von 600, 700, 800 Millionen US-Dollar erzeugen, die werden den Trend setzen. Alle anderen werden irgendwo schauen müssen, wo sie bleiben», so der Clariant-Chef gegenüber «ECO».

Die Fusion soll Einsparungen bringen von rund 400 Millionen Dollar: Durch den gemeinsamen Einkauf, durch effizientere Abläufe in beiden Organisationen. Und durch Arbeitsplatz-Abbau. Allerdings nicht in der Schweiz, wie Kottmann ausdrücklich betont: «Ich gehe davon aus, dass wir in der Schweiz keine Arbeitsplätze abbauen. Huntsman und Clariant sind in der Schweiz komplementär.»

Es ist ein schwieriger Weg, den Hariolf Kottmann für Clariant einschlägt. Nach neun Jahren an der Spitze des Basler Spezialchemie-Konzerns hatte er das Unternehmen in ein ruhiges Fahrwasser gelenkt. Clariant ist ein solider Konzern mit ansprechenden Margen – allerdings zu klein, um auf Dauer in der oberen Liga mitzuspielen. Seit drei Jahren hat Kottmann deshalb mit Hochdruck nach einem passenden Partner gesucht. Und ihn in Huntsman nun offenbar gefunden.

Für Clariant beginnt nun wieder eine Zeit der Unsicherheit. Kottmann bleibt immerhin an Bord. Und versucht zu beruhigen: «Wir werden alles tun, damit die Egoismen, die in anderen Firmen letztlich die Grundlage für den Misserfolg waren, bei uns nicht auftreten. Wie ich vorhin sagte: Man muss in so einem Fall bereit sein, etwas abzugeben. Wenn man das nicht tut und einen MoE macht, aber eigentlich immer hofft und glaubt, es ist eine Akquisition, irgendwie werden wir die schon kriegen, dann geht das schief. Und bei uns wird das nicht schiefgehen.»

Hariolf Kottmann in «ECO»

Hariolf Kottmann in «ECO»

Mehr zum Thema heute Abend um 22.25 Uhr im Wirtschaftsmagazin «ECO». Live im Studio: Clariant-CEO Hariolf Kottmann.

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7 Kommentare

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  • Kommentar von Fritz Frei (Fritz Frei)
    Ich drücke die Daumen, dass es den beiden "Unterklassigen" gelingt, mit ihrer Strategie zu überleben. Mit ihrer positiven Haltung könnten sie auch eine neue Kultur in eine winterkalte, menschenfeindliche Wirtschaft bringen.
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  • Kommentar von Nicolas Dudle (Nicolas Dudle)
    Kottmann nimmt mit seiner Aussage, die Branche werde inskünftig von wenigen Grossen geprägt, die Entwicklung in vielen Bereichen vorweg. Dazu werden auch so entscheidende Branchen wie die die Agrochemie, die Finanzindustrie und die Medien gehören. - Derart massive Firmen- und Machtkonzentrationen sind Ausdruck des Abbaus demokratischer Grundlagen in der Wirtschaft. - Der Markt regelt alles - ausser sich selber!
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    1. Antwort von Fritz Frei (Fritz Frei)
      Wer hat Ihnen gesagt, dass es je in einem erfolgreichen Wirtschaftunternehmen Demokratie als Entscheidungsgrundlage gab?
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    2. Antwort von Nicolas Dudle (Nicolas Dudle)
      Konzentrationen bauen nicht sowieso kaum anzutreffende demokratische Entscheidungsgrundlagen innerhalb von Unternehmen ab, sondern diejenigen im Markt. Konzentrationen reduzieren die Wahlmöglichkeiten für Kunden, der Schritt zu nicht nachweisbaren Marktaufteilungen unter den wenigen Grossen ist sehr klein. Damit stirbt die MARKTdemokratie - und nicht die nur in Ausnahmefällen existierende Unternehmensdemokratie. Das ist nun beileibe nicht dasselbe.
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  • Kommentar von Franco Caroselli (FrancoCaroselli)
    La belle Etage fusioniert und unten bleibt man auf der Stecke. Die oberen kassieren nun mehr Boni für mehr Ertrag, die Unteren kämpfen. Dass keine Jobs in der Schweiz verloren gehen sollten, glaube ich kein Wort. Gut, produziert diese Firma Pillen gegen Alzheimer, diese kann CEO oder Politiker nehmen, wenn sie das was sie versprechen oder den Menschen vorgaukeln, plötzlich vergessen haben....
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    1. Antwort von Verena Casagrande (Verena Casagrande)
      Genau irgend wann heisst es einfach: Stellen-Abbau damit die Oberen noch mehr kassieren können.
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    2. Antwort von Fritz Frei (Fritz Frei)
      Seit mindestens 1990 gibt es in der Schweiz keine Kultur der "Unternehmenstreue" mehr. Sie wurde von den Arbeitgebern wortlos aufgekündigt, nachdem klar wurde, dass man immer weniger Mitarbeiter brauchen würde und dazu noch solche mit stets ändernden Fähigkeiten. Es wurde billiger, fertige Fachkräfte von irgendwo zu rekrutieren, als sie auszubilden. Und Know How wurde mehr und mehr durch Firmanzukäufe statt durch eigene Forschung beschafft.
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