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Wirtschaft «Burka-Verbot»: Schweizer Tourismus in Gefahr?

Nach dem Verbot des Gesichtsschleiers im Tessin und im Hinblick auf ein mögliches nationales Verbot stellt sich die Frage: Was bedeutet das für den Schweizer Tourismus? Denn die Gäste aus den Golfstaaten lassen in den Ferien insgesamt 331 Millionen Franken pro Jahr in der Schweiz liegen.

Frau mit Gesichtsschleier und starrendes älteres Schweizer Paar am See
Legende: Gibt 430 Franken pro Tag in der Schweiz aus: Eine Touristin im Niqab studiert Reiseprospekte am Genfersee. Keystone

Im Tessin ist es künftig verboten, das Gesicht an öffentlichen Orten zu verschleiern. Das betrifft unter anderem den Tourismus im südlichen Kanton, den auch Gäste aus den Golfstaaten besuchen. Das sind die Länder, in denen Frauen am ehesten einen Niqab – also einen Gesichtsschleier zum Kopftuch – tragen.

Legende: Video Tessin verbietet Burka abspielen. Laufzeit 01:15 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 24.11.2015.

Noch beträgt der Marktanteil von Gästen aus den Golfstaaten im Tessin 1,7 Prozent. Doch die Nachfrage steigt. Diese Touristen bleiben länger als andere – und sie geben vor allem massiv mehr aus.

Konsequenzen für Tessin schwierig einzuschätzen

Längst nicht alle Touristinnen aus Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten würden das Gesicht auch tatsächlich bedecken, sagt Elia Frapolli, Direktor der Tourismusbehörde Ticino Turismo, zu SRF News. Es sei schwierig, genau einzuschätzen, welche Konsequenzen die Entscheidung zum Verhüllungsverbot auf den Tourismus im Tessin haben wird, sagt er.

Die Golfstaaten-Touristen, welche das Gesicht tatsächlich bedecken, werden sicher wegbleiben.
Autor: Elia FrapolliDirektor Ticino Turismo

Während das Verhüllungsverbot im Tessin bereits Realität ist, soll es gemäss eines Initiativkomitees um den Solothurner SVP-Nationalrat Walter Wobmann bald schweizweit gelten. Es sammelt bald Unterschriften für die Volksinitiative «Ja zum Verhüllungsverbot». Wobmann geht es vor allem um die Anpassung an die hiesige Kultur. Die möglichen finanziellen Verluste für die Schweizer Tourismusbranche sind für ihn vernachlässigbar: «Das ist Panik auf Vorrat». Auf potenziell ausbleibende Einnahmen für die Wirtschaft geht er nicht ein.

Ausgaben von 430 Franken pro Tag – und Tourist

Es geht aber um potenziell viel Geld: Besonders die Stadt Genf und die Genferseeregion, sowie das Berner Oberland zählen zu den beliebtesten Destinationen – vor allem im Sommer, wo es im Vergleich zum Heimatland kühler ist. Zwar ist der Anteil von Touristen aus Golfstaaten an Logiernächten von ausländischen Gästen mit 3,9 Prozent noch relativ klein – wächst aber von Jahr zu Jahr stetig.

Aus dieser Gegend alleine wurden im vergangenen Jahr 770‘725 Logiernächte gezählt. Die Gäste aus den Golfstaaten geben pro Kopf und Tag 430 Franken aus – mehr als zweieinhalb Mal so viel wie Schweizer Touristen. «Dies entspricht mit Abstand dem höchsten Wert im Vergleich mit Touristen aus anderen Märkten», bestätigt Alain Suter, Mediensprecher von Schweiz Tourismus. Das sind 330 Millionen Franken, die jährlich in Schweizer Kassen fliessen.

Schweizer Tourismus-Verband gegen Verbot

Der Schweizer Tourismus-Verband (STV) – der unter seinem Dach die touristischen Branchenverbände, Tourismusorte, Verkehrsvereine und Behörden vereinigt – hat zur Verhüllungsverbots-Initiative eine Stellungnahme herausgegeben. Er spricht sich aus verschiedenen Gründen gegen ein nationales Verbot aus. Sanktionen würden einerseits nur die Trägerinnen eines Gesichtsschleiers bestrafen – nicht aber diejenigen, die das durchsetzen. Andererseits ziehe laut STV das Argument der Integration nicht: «Gerade Gäste halten sich in der Regel nur kurz in der Schweiz auf, weshalb die Integration nicht das Ziel ist.»

Sorgen um Image als Feriendestination

Kurz: Es geht vor allem um viel Geld. «Die Mehrheit der Touristen aus diesen Ländern betrifft das Verhüllungsverbot eigentlich nicht», sagt Frapolli von Ticino Turismo. Sorgen macht sich der Tourismus-Direktor jedoch vor allem im Bezug auf das Image seines Kantons als Feriendestination in diesen Ländern.

Diese Sorge teilt der Co-Präsident der nationalen Verbots-Initiative, Walter Wobmann, nicht: «Wegen ein paar Verhüllten bleiben sicher nicht alle dem Land fern.» Ihm geht es um einen «kulturellen Grundsatz». Und er fügt hinzu: «Ob es denen passt oder nicht, ist mir egal.» Der Tessiner Touristiker Frapolli hingegen schaut etwas ungewiss in die Zukunft: «Wir hoffen, dass sie weiterhin zu uns kommen.»

Zu den Golfstaaten werden die folgenden Länder gezählt: Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate, Bahrain, Katar, Kuwait, Oman.

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