Chattanooga leidet am VW-Skandal mit

Der Volkswagen-Skandal hat seinen Ursprung in den USA. In Chattanooga verfolgt man die Sache seither ganz genau. Kein Wunder: Dort steht die einzige VW-Fabrik in den Vereinigten Staaten. Einige Einwohner der Stadt reden das Problem lieber klein, andere blasen es auf.

Das Logo des Autoherstellers VW, im Hintergrund die Fabrik

Bildlegende: Vom Autofabrikanten VW hängen viele Arbeitsplätze in der Region ab – auch wegen der vielen Zulieferer. Reuters

Wenn in den Vereinigten Staaten etwas schief läuft, schlägt die Stunde der Anwälte. Das ist auch in Chattanooga nicht anders. Wir sitzen im Büro von Anwalt Mike Anderson, das sich gleich neben dem lokalen Gerichtsgebäude befindet. Seine Kanzlei hat kürzlich gegen VW Klage eingereicht im Namen eines privaten Autokäufers. «Bill Sonnenberg ist ein loyaler VW-Kunde, und das schon seit den 1960er-Jahren. Er fährt ein Dieselauto. Sie können sich vorstellen, wie enttäuscht er war, als er von den Manipulationen erfahren hat», sagt Anderson.

Inzwischen sind 75 weitere Kunden dazu gekommen, die meisten aus der Gegend von Chattanooga. Sie alle wollen Geld, weil VW sie hinters Licht geführt habe und ihre Autos an Wert verloren hätten, sagt Mike Anderson. Die Rede ist von einer Sammelklage in der Höhe von einer Milliarde Dollar. Anderson hat keine Skrupel, gegen eine Firma vorzugehen, die für die lokale Wirtschaft eine zentrale Rolle spielt. «Volkswagen wird das überleben», lautet seine Antwort.

Ein altes Backsteingebäude in der US-Stadt Chattanooga

Bildlegende: Chattanooga ist umgeben von viel Natur. SRF/Beat Soltermann

«Ein Problemchen»

Während der Anwalt den Skandal zugunsten seiner Klienten grossredet, möchten die Passanten in Downtown Chattanooga am liebsten, er wäre gar nie passiert. Zumal die manipulierten Dieselmotoren aus Deutschland kamen und hier vor Ort nur eingebaut wurden.

«Ein Problemchen ist das», sagt Amy, die gerade auf dem Weg in ein Café ist. Chattanooga sei sehr erfreut, dass VW mit all den Stellen hier sei, meint sie. Ähnlich tönt es bei James. Volkswagen werde das meistern, «wir lieben Volkswagen in Chattanooga», meint er. Ein anderer Mann sagt, er sei in Eile. So muss er dem Reporter aus der Schweiz keine Auskunft geben.

Ausbau geplant

In einem Sitzungszimmer der Chattanooga Area Chamber of Commerce, der lokalen Wirtschaftskammer, erklärt Charles Wood die Bedeutung, die VW für Chattanooga hat: «Volkswagen ist ganz klar ein wichtiger Arbeitgeber in der Region. Zwar nicht der wichtigste, aber der Autobauer hat viele Zulieferfirmen in die Region gezogen.»

Derzeit arbeiten 2400 Leute im lokalen VW-Werk am Volkswagen Drive. Eine Studie besagt, dass man auf 12‘000 Leute kommt, wenn man die Zulieferfirmen dazurechnet. Schon vor dem Skandal hat VW damit begonnen, das bestehende Werk auszubauen – geplant ist, das Personal künftig fast zu verdoppeln.

Dass Volkswagen sich 2006 entschieden hat, sein einziges US-Werk in Tennessee zu bauen, ist kein Zufall. Der Bundesstaat lockte den Autobauer mit Subventionen und Steuerrabatten in dreistelliger Millionenhöhe an. Und jetzt sollen mit dem Ausbau nochmals mehr als 250 Millionen Dollar aus der öffentlichen Kasse fliessen.

Ein VW-Auto steht ausgestellt am Flughafen

Bildlegende: Schon am Flughafen von Chattanooga wird klar, dass VW für die Region eine wichtige Rolle spielt. SRF/Beat Soltermann

VW-Leiter muss antraben

Etwas ausserhalb der Stadt führt der Finanzausschuss von Tennessee eine Anhörung durch, unter dem Vorsitz von Staatssenator Bo Watson. Antraben muss auch Christian Koch, der die VW-Fabrik in Chattanooga leitet.

Aus der VW-Zentrale in Wolfsburg habe es kürzlich geheissen, dass alle Investitionen, die nicht zwingend notwendig seien, gestoppt oder aufgeschoben würden, sagt Watson. Ob das auch jene in Chattanooga betreffen, will er von Koch wissen. Die USA seien von diesen Massnahmen nicht betroffen, beteuert dieser. Alles verlaufe nach Plan. Man sei hier, um zu bleiben.

Besser Arbeit statt Steuermillionen

Bo Watson scheint nach der Anhörung zufrieden: «Wir vertrauen zwar nicht blind, aber wir vertrauen und wir überprüfen», erklärt er. Ihm ist wichtig, dass VW sein Versprechen – Ausbau und zusätzliche Arbeitsplätze – erfüllt und nicht bloss die Steuermillionen fliessen.

Dieses Versprechen sei jetzt erneuert worden, sagt er. Es sei nicht im Interesse von Tennessee, eine derart wichtige Firma zu behindern oder beschädigen, das bringe ja alles nichts: «Hier im Süden sagt man: Wenn ein Mann am Boden liegt, tritt man nicht noch nach!»

Persönlicher Einsatz

Randy Boyd, der für die Wirtschaftsförderung in Tennessee verantwortlich ist, sagt, wie sein persönlicher Vertrauensbeweis für Volkswagen aussieht: Er habe Christian Koch angerufen und gefragt, ob schon einer der SUV-Geländewagen, die künftig auch in Chattanooga produziert werden sollen, verkauft sei. Nein, noch nicht, lautete die Antwort. Und so habe er eine Anzahlung geleistet für den ersten SUV-Volkswagen, der vom Förderband in Chattanooga rollen wird.