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Dank Konsultationsverfahren Massenentlassungen: Oft können noch Jobs gerettet werden

Legende: Video Massenentlassungen: Oft geringerer Stellenabbau als angekündigt abspielen. Laufzeit 5:33 Minuten.
Aus 10vor10 vom 07.12.2017.
  • Bei Massenentlassungen werden am Ende bedeutend weniger Stellen gestrichen, als zu Beginn angekündigt.
  • Hauptverantwortlich für die Diskrepanz sind die Konsultationsverfahren zwischen Unternehmen, Vertretern der Arbeitnehmer und den Sozialpartnern.
  • Das zeigen Recherchen von «10vor10».

Der Schock sitzt tief: Der Industriekonzern General Electric (GE) will weitere 1400 Stellen im Kanton Aargau abbauen. Das teilte der US-Mischkonzern am Donnerstag mit. Doch neben GE kündigten dieses Jahr rund 300 Firmen hierzulande Massenentlassungen an – rund 12'600 Angestellte sind betroffen. Das zeigt eine Umfrage bei allen Kantonen.

Mehrere tausend Stellen bleiben verschont

Recherchen von «10vor10» zeigen: Bei Massenentlassungen werden am Ende bedeutend weniger Stellen gestrichen, als zu Beginn angekündigt. 15 Kantone konnten Auskunft darüber geben, wie gravierend Massenentlassungen wirklich sind.

In diesen Kantonen sollten 2016 ursprünglich 4327 Stellen im Rahmen von Massenentlassungen gestrichen werden – schlussendlich waren es jedoch nur 2688, also 62 Prozent und damit mehr als ein Drittel weniger als der insgesamt angekündigte Stellenabbau. Ein ähnliches Bild zeigt sich in den Vorjahren:
2015 wurden nur 68 Prozent abgebaut und 2014 gar nur 42 Prozent.

Ab wann ist es eine Massenentlassung?

Laut OR 355d ist die Rede von einer Massenentlassung in einem dieser drei Fälle:
Ein Betrieb mit 20 bis 99 Arbeitnehmern entlässt mind. zehn Mitarbeiter
Ein Betrieb mit 100 bis 299 Arbeitnehmern entlässt mind. zehn Prozent der Mitarbeiter
Ein Betrieb mit 300 oder mehr Arbeitnehmern entlässt mind. 30 Mitarbeiter

Auch als General Electric zuletzt Stellen in der Schweiz strich, kam es weniger happig, als erwartet: Wollte der Konzern im Januar 2016 noch 1300 Arbeitsplätze streichen, waren am Ende nur 900 Stellen betroffen.

Legende:
Betroffene Arbeitnehmer von Massenentlassungen vor Beginn der Konsultationsverfahren.

Konsultationsverfahren führen zu positiven Ergebnissen

Woher rührt die Diskrepanz zwischen Ankündigung und tatsächlichem Stellenabbau? Hauptverantwortlich sind die Konsultationsverfahren zwischen Unternehmen, Vertretern der Arbeitnehmer und den Sozialpartnern.

In intensiven Diskussionen eruieren die Parteien, wie der Abbau möglichst verträglich ablaufen kann. So wird etwa diskutiert, welche Mitarbeiter verschont bleiben sollten oder wie das Unternehmen den weiteren beruflichen Weg der Angestellten durch Weiterbildungen vereinfachen kann.

In dieser Phase befindet sich zurzeit das Solarunternehmen Meyer Burger. Im November hatte der Konzern in Thun angekündigt, bis zu 180 Stellen zu streichen. Nun hoffen Arbeitnehmer und Sozialpartner, den Schaden zu begrenzen. Die Konsultationsphase kann zu sehr positiven Resultaten für die Angestellten führen, sie ist aber auch eine Zeit der Ungewissheit für viele Mitarbeiter.«Die grösste Schwierigkeit ist die Verunsicherung. Das ist für die meisten Mitarbeiter sehr unangenehm», attestiert Martin Fischer. Er vertritt die Arbeitnehmer in den Verhandlungen mit Meyer Burger. Die berufliche Zukunft ist während den Konsultationen ungewiss und kaum planbar.

Deswegen entscheiden sich viele häufig besser qualifizierte Angestellte, bereits in dieser Phase einen neuen Arbeitgeber zu suchen. Da sie das Unternehmen früher verlassen, muss der Konzern die betroffenen Stellen nicht streichen. Dies federt den Abbau ab.

Stellenabbau zugunsten der Aktionäre

Hinter den zu hohen Ankündigungen kann auch wirtschaftliches Kalkül stecken: «Gewisse Firmen machen das politisch, weil das einen Einfluss auf die Börsenbewertung hat», meint Christof Burkard vom Verband Angestellte Schweiz.

Die Aktienmärkte reagieren meist positiver auf einschneidende Sparmassnahmen. Einfach gesagt: Wer ankündigt, 50 Stellen zu streichen, kann die Aktionäre damit zufriedener stellen, als wenn schon zu Beginn ein Abbau von «nur» 30 Stellen kommuniziert würde.

Sei es wegen gelungener Gespräche, der üblichen Fluktuation oder dem Drang nach höheren Aktienkursen: Klar ist, dass Massenentlassungen die Angestellten häufig weniger schlimm treffen als befürchtet. Der flexible und durchlässige Schweizer Arbeitsmarkt sorgt zudem dafür, dass die Arbeitslosigkeit trotz Massenentlassungen nicht steigt. Dennoch: jene, die dem Abbau zum Opfer fallen, lassen sich so kaum trösten.

6 Kommentare

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  • Kommentar von Denise Casagrande (begulide)
    ...und wenn keine, oder fast keine Stellen dabei gerettet werden, was passiert dann mit den stelllenlosen ArbeitnehmernInnen??
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    1. Antwort von Charles Dupond (Egalite)
      Ohne die EU-Lohndoemper-PFZ wuerden sie am naechten Montag oder spaetesten Ersten eine gute Stelle finden. So werden aber fast Alle entweder arbeitslos und nach der Aussteuerung armengenoessig und immer mehr gar obdachlos, oder sie finden mit Ach und Krach nur noch eine viel schlechtere Stelle....
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  • Kommentar von Manuela Fitzi (Mano)
    2) Die in 1) geschilderte Methode schwächt die AN, denn Zeugnis fällt dementsprechend aus und es wäre langwierig, sich mit der Firma gerichtlich auseinander zu setzen. Er braucht ja schnell einen neuen Job. Zudem nimmt ihn die Unfairness sehr mit. Bei uns hat man die Stellen ausgelagert oder durch Praktika von anderen (billigeren) Ländergesellschaften nach dem dem Rotationsprinzip gefüllt oder klassisch 50+ Manager durch 30+ ersetzt. Kalkulierte Einsparung jährlich bei ca. 900-1400k.
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  • Kommentar von Manuela Fitzi (Mano)
    Was für eine naive Vorstellung der Medien und Politik. Ich war auch betroffen. Ich habe sogar die Pläne und Durchführung mitredigieren müssen. In kleineren Firmen werden die Entlassungen zeitlich so gestaffelt, dass kein Konsultationsverfahren nötig wird. Auch vor wirtschaftlich bedingten Entlassungen hüten sich diese Firmen, denn die Konkurrenz schläft nicht. Nebst zeitlicher Staffelung gibt es noch die üble Variante: Kündigung wegen fehlbarem Verhalten, geänderten Anforderungen o.ä. 2) folgt.
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