Das Kind aus dem Reagenzglas: Ein blühender Geschäftszweig

Zuerst die Karriere, dann das Kind. Viele Frauen denken erst ab Mitte 30 ans Kinderkriegen. Auf natürlichem Weg ist es aber dann oft zu spät. Zahlreiche Frauen probieren es deshalb mit einer künstlichen Befruchtung im Reagenzglas.

Ärzte hantieren im Operationssal mit Spritzen.

Bildlegende: Teure In-Vitro-Fertilisationen: Bis 8000 Franken kostet in der Schweiz ein einziger Behandlungszyklus. Keystone

Heute sind die Frauen im Durchschnitt 36 Jahre alt, wenn sie bei Felix Häberlin oder einem anderen Arzt Hilfe suchen. Felix Häberlin ist leitender Arzt der Frauenklinik des Kantonsspitals St. Gallen. «Das ist ein fortgeschrittenes Alter für eine Familiengründung», sagt er. «Als ich studierte, sagte man, eine alte Erstgebärende ist eine Frau mit 32 Jahren.» Wenn heute eine 32-Jährige vorbeikomme, sage er jeweils: «Schön, dass wieder einmal jemand so junges kommt.»

Grund für den späten Kinderwunsch ist oft die Karriere. Häufig lassen sich Kind und Weiterentwicklung im Beruf nicht unter einen Hut bringen.

Die Nachfrage ist gross

Die Zahl der künstlichen Befruchtungen hat sich innerhalb eines Jahrzehnts fast verdoppelt. 2002 unterzogen sich noch rund 3400 Frauen einer In-Vitro-Fertilisation. In der neusten Statistik aus dem Jahr 2014 waren es bereits mehr als 6200 Frauen.

Künstliche Befruchtung in der Schweiz Das Diagramm zeigt die Anzahl der Frauen, die sich in den genannten Jahren behandeln liessen.

Seit 2010 gehen die Zahlen zwar leicht zurück, die Nachfrage nach künstlicher Befruchtung ist aber nach wie vor immens. Davon profitiert ein ganzer Medizinzweig. So sind in der Schweiz in den letzten Jahren immer mehr Reproduktionszentren entstanden. Insgesamt 28 Zentren gibt es derzeit. Vor 20 Jahren waren es nicht einmal halb so viele, nämlich nur 12.

Noch mehr Reproduktionskliniken?

Allerdings: Der Bedarf an Kliniken sei langsam gedeckt, sagt Felix Häberlin. Er erwartet deshalb, dass in nächster Zeit nur noch vereinzelt neue Kinderwunsch-Zentren entstehen werden. Ausser, die Krankenkassen übernehmen künftig die Kosten für eine künstliche Befruchtung im Reagenzglas: «Dann ist schon anzunehmen, dass noch weitere Zentren entstehen werden», sagt Häberlin.

Heute übernehmen die Krankenkassen zwar gewisse Behandlungen. Nicht aber die Kosten für die In-Vitro-Fertilisation, also die Befruchtung der Eizellen im Reagenzglas.

In-Vitro-Fertilisationen sind teuer. Zwischen 5000 und 8000 Franken kostet in der Schweiz ein Behandlungszyklus. Oft sind mehrere solcher Zyklen nötig.

Bezahlen bald die Krankenkassen die Kosten?

Derzeit bereitet das Betroffenennetzwerk Kinderwunsch ein Gesuch vor, damit künftig die Krankenkassen die Kosten für In-Vitro-Fertilisationen übernehmen. Seit dem Ja bei der Volksabstimmung über die Präimplantationsdiagnostik im Juni stünden die Chancen gut, dass die Grundsatzleistungskommission des Bundesamtes für Gesundheit das Gesuch unterstütze, heisst es.

Denn künftig wird es möglich, von maximal 12 befruchteten Embryonen nur einen auszuwählen und in die Gebärmutter einzusetzen. So können Mehrlingsschwangerschaften vermieden werden. Diese führen häufiger als sonst zu Frühgeburten und Komplikationen und verursachen so hohe Kosten.

Kommt das Gesuch durch, müssten voraussichtlich ab Herbst 2017 mit dem Inkrafttreten des revidierten Fortpflanzungsmedizingesetzes die Krankenkassen die Kosten für In-Vitro-Fertilisationen übernehmen.

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