«Dem Beben kann das eine oder andere Nachbeben folgen»

Die chinesische Wirtschaft kränkelt, die weltweiten Märkte husten mit: Von Tokio über Zürich bis nach New York werden die Börsen durchgeschüttelt. Auf Wunderheilung sollte man nicht wetten, sagt Christian Gattiker, Chefstratege bei der Schweizer Bank Julius Bär.

Eine elektronische Nachrichtentafel am Times Square in New York. Aufschrift: Die globalen Märkte verlieren den Glauben.

Bildlegende: Alles eine Frage des Glaubens? Die Panik an den Märkten ist greifbar. Reuters

SRF News: Die Börsen gehen weltweit auf Tauchgang. Viele Beobachter gehen allerdings davon aus, dass wir hier eine einmalige Korrektur sehen. Sehen Sie das auch so, pendelt sich alles nach zwei, drei Tagen wieder ein?

Christian Gattiker: Schön wär's, aber es gibt einiges, was noch schiefer gehen kann als bisher. Aus einer Panikattacke kann man nicht ableiten, wie der Markt sich weiter bewegt. Anleger werden nicht darum herum kommen, die Situation neu anzuschauen.

Sollten die Anleger asiatische Aktien nun schleunigst verkaufen?

Ausserhalb Chinas hat Asien ein Wachstumsproblem. Das schlägt sich in vielen der Märkte nieder. Die Situation erinnert uns sehr stark an die zweite Hälfte der 1990er Jahre, als ebenfalls Schwellenländer die Hauptleidtragenden einer globalen Wirtschaft waren, die harzte. Ähnlich werden jetzt wahrscheinlich auch asiatische Märkte unter Druck bleiben. Deswegen haben wir hier auch schon frühzeitig in diesem Sommer unsere Positionen zurückgefahren.

Die Kursverluste in Asien und in den Schwellenländern führen zu einer Kettenreaktion in andere Finanzanlagen – und dann ist für uns westliche Anleger alles wieder bestens?

So einfach geht das nicht. Wenn wir die Geschichte beiziehen, zieht sich so etwas doch länger hin. Es wäre nicht erstaunlich, wenn auf so ein Beben auch das eine oder andere Nachbeben folgt – und das auch in die «alte Welt», die etablierten Märkte, zurückschlägt. Man kann nicht einfach einen Strich unter die Entwicklung machen und hoffen, dass wir von jetzt an isoliert bleiben.

Schweizer Pensionskassen haben auf der Suche nach Renditen in vergangener Zeit vermehrt in Aktien investiert. Der Swiss Market Index verliert heute deutlich. Müssen wir uns Sorgen um unsere Gelder machen?

«  Es wäre nicht erstaunlich, wenn nach so einem Beben auch das eine oder andere Nachbeben folgt. »

Nein. An so einem Tag macht es keinen Sinn, das grosse Bild aufzumachen. Zum einen müssen sich die Pensionskassen nicht täglich Sorgen über Marktschwankungen machen. Sie rapportieren quartalsweise. Zweitens hat man auf anderen Anlagen, etwa den Staatsanleihen, den ‹Schweizer Eidgenossen›, den langfristigen Rentenpapieren der Schweiz, deutliche Kapitalgewinne. Damit kann man einen Teil dieser Verluste kompensieren.

Das alles kommt zu einem Zeitpunkt, in dem die US-Notenbank Fed den Ausstieg aus der Tiefzinspolitik anstrebt. Ist das Thema damit vom Tisch?

Wir fürchten nicht. Es kann sogar zu einem Politik-Fehler kommen – hier gäbe es eine weitere Parallele zu den 1990er Jahren, konkret 1997. Nämlich, dass die Fed wie damals eine verfrühte Zinserhöhung vollführt, um anschliessend wieder zurückrudern zu müssen. Wenn man sich die Kommunikation anschaut, kann es gut sein, dass die Fed wieder einen ähnlichen Fehler macht. Aufgrund der globalen Schwierigkeiten wäre es jetzt ein Steilpass, diese Zinserhöhung hinauszuschieben – und damit dem Rest der Welt wieder etwas Luft zu verschaffen. Denn der Dollar hat viele Schwellenländer massiv unter Druck gesetzt.

Die chinesische Regierung wirkt passiv. Kann sie nichts machen, oder will sie nicht?

Das ist derzeit die Millionenfrage an den Finanzmärkten. Im Moment scheint es eher ein Kommunikationsproblem zu sein, man vernimmt nur wenige Signale. Eigentlich wären die Regierung und auch die chinesischen Zentralbank in der Lage, zu reagieren. Aber anscheinend fühlt man sich noch nicht richtig dazu genötigt. Und das ist es, was die Anleger weltweit verrückt macht. Die Märkte machen solange Panik, bis sich das auch in Panik bei den Politikern niederschlägt.

Das Gespräch führte Samuel Wyss.

Christian Gattiker ist Chefstratege und Leiter Research bei der Bank Julius Bär.

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