Problem Jugendarbeitslosigkeit Der brutale Wechsel ins Berufsleben

Jeder vierte Jugendliche löst seinen Lehrvertrag auf. Was sind die Gründe? Und weshalb haben gerade angehende Köche oder Coiffeure keine Lust mehr auf ihren Beruf?

Lehrlinge montieren Solarzellen auf einem Dach.

Bildlegende: Knochenarbeit bei jedem Wetter: Für Lernende auf dem Bau ist der Start ins Berufsleben ein Sprung ins kalte Wasser. Keystone

In der Schweiz löst jeder vierte Jugendliche seinen Lehrvertrag vorzeitig auf. Die Ergebnisse einer Studie des Schweizerischen Observatoriums für Berufsbildung lassen aufhorchen. Zumal die Folgen durchaus gravierend sein können.

Gemäss der Studie landen Personen ohne Berufsausbildung öfter im Niedriglohnsektor und werden häufiger fürsorgeabhängig. Durch die Sozialbeiträge und fehlende Steuereinnahmen kosten Personen ohne Ausbildung den Staat so 150'000 Franken im Leben. Experten fordern deshalb schon länger, dass die Zahl der Ausbildungslosen reduziert werden müsse.

Doch wie schlimm steht es tatsächlich um die Schweizer Lernenden? Andrea Ruckstuhl berät Jugendliche, die Probleme in der Ausbildung haben oder ihren Lehrvertrag bereits aufgelöst haben.

SRF News: Was sind aus Ihrer Praxiserfahrung die häufigsten Gründe für Lehrabbrüche?

Andrea Ruckstuhl: Wichtig ist, dass man zwischen Lehrabbrüchen und Lehrvertragsauflösungen unterscheidet. Die meisten betroffenen Lernenden lösen ihren Lehrvertrag auf, beenden die Ausbildung aber in einem anderen Betrieb. Von Lehrabbruch spricht man, wenn die Lehre effektiv abgebrochen wird. Aber auch hier landen nicht alle «unter der Brücke». Einige holen beispielsweise ihren Abschluss an einer privaten Schule nach.

Die meisten Vertragsauflösungen passieren im ersten Lehrjahr. Oftmals war in solchen Fällen die Berufswahl nicht intensiv genug. Es kann sein, dass Jugendliche andere Vorstellungen vom gewählten Beruf haben oder sie kommen leistungsmässig an die Grenzen. Mit dem Wechsel von der Schule in die Arbeitswelt werden die Jugendlichen auch oftmals ins kalte Wasser geworfen.

Wie sieht es mit Vertragsauflösungen gegen Ende der Ausbildung aus?

Bei Auflösungen im zweiten bis dritten Lehrjahr kann es sein, dass die Leistung nicht mehr ganz stimmt. Hohe Fluktuationen bei den Ausbildnern können sich ebenfalls negativ auswirken. Generell stellen wir kurz vor dem Lehrabschluss einen leichten Anstieg der Vertragsauflösungen fest. Das sind die mühsamsten Fälle, weil es schwieriger wird eine Anschlusslösung zu finden. Bei späten Auflösungen drücken die kantonalen Ämter manchmal ein Auge zu und lassen die Jugendlichen trotzdem zur Prüfung zu.

«  In kleineren Betrieben setzen sich die Patrons oftmals sehr stark für die Jugendlichen ein. »

Statistiken zeigen, dass die Zahl der Abbrüche vor allem in der Bau- und der Gastrobranche sowie bei Coiffeuren hoch sind. Warum?

Wenn Sie schon einmal in einer Küche gearbeitet haben, wissen Sie, dass es dort hektisch und laut ist und ein rüder Umgang herrschen kann. Auch in der Baubranche ist der Leistungsdruck sehr hoch, nicht zuletzt aufgrund des herrschenden hohen Preisdrucks im gesamten Sektor. Der Wechsel von der Schule ins Berufsleben ist auch hier oftmals sehr brutal. Der Coiffeur-Beruf ist ebenfalls sehr streng und er strahlt vielleicht auch etwas mehr Glamour aus als er dann tatsächlich bietet.

Lehrvertragsauflösungen Quote der Lehrvertragsauflösungen von Personen mit zweijähriger beruflicher Grundbildung nach Ausbildungsfeld 2016. Angaben in Prozent.

Stellen Sie Unterschiede zwischen Kleinbetrieben und grösseren Firmen fest?

Von gewissen Grossbetrieben hatten wir tatsächlich noch nie Jugendliche, die Hilfe bei uns suchten. Die Strukturen dort sind sehr gut. Solche Firmen verfügen über Berufsbildner in den Abteilungen und arbeiten sehr professionell. Es gibt auch kleinere Betriebe, die in der Betreuung hervorragend sind. Der Patron setzt sich für die Lernenden mit der letzten Faser ein. Solche Betriebe bieten den Jugendlichen auch ein familiäres Umfeld. Genau das kann für Adoleszente sehr wichtig sein. Es gibt aber auch schwarze Schafe, die eher schludrig arbeiten. Wir haben immer wieder mit Betrieben zu tun, wo Vertragsauflösungen häufig vorkommen.

«  Die Gesellschaft kann es sich schlicht nicht leisten, dass es Menschen ohne berufliche Grundbildung gibt. »

Wie kann Lehrabbrechern Hand geboten werden?

In Zürich arbeiten wir mit rund 130 freiwillig engagierten Mentoren zusammen. Wir erörtern mit den Jugendlichen ihre Probleme und weisen sie dann einem passenden Mentor aus derselben Branche zu. Mit ihrem Mentor können dann die Jugendlichen das weitere Vorgehen planen.

Stellen Vertragsauflösungen oder Lehrabbrüche ein grosses Problem dar?

Vertragsauflösungen sind per se keine Katastrophe. Wenn sie aber zu vermeiden wären, ist das blöd. Ab zwei bis drei Auflösungen wird es dann aber schwierig. Die Berufswahl könnte noch verbessert und die Betreuung in den Betrieben intensiviert werden.

Komplette Lehrabbrüche müssen jedoch unbedingt verhindert werden. Wenn die Jugendlichen ganz aus dem Berufsbildungssystem rausfallen, ist die Chance sehr hoch, dass sie von Sozialhilfe abhängig werden. Die Lehrausbildung ist schliesslich die Grundlage für ein selbstverantwortetes Leben. Die Gesellschaft kann es sich schlicht nicht leisten, dass es Menschen ohne berufliche Grundbildung gibt.

Andrea Ruckstuhl

Andrea Ruckstuhl

Er ist Co-Leiter von Job Caddie Zürich. Die Fachstelle unterstützt in den Kantonen Zürich, Zug und Bern Jugendliche während und nach der Lehre. Das Programm wurde durch die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) gegründet.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Tausende unbesetzte Lehrstellen

    Aus Tagesschau vom 4.8.2016

    Zum Auftakt des Lehrjahres sind noch über 7000 Lehrstellen unbesetzt. Vor allem Betriebe in der Baubranche und im Detailhandel haben zunehmend Mühe Lehrlinge zu finden. Für viele KMU wird dies zum ernsthaften Problem.

  • Bund und Wirtschaft gemeinsam gegen Jugendarbeitslosigkeit

    Aus Tagesschau vom 25.2.2015

    Heute wurde in Zürich der erste nationale Dachverein gegen Jugendarbeitslosigkeit vorgestellt, ins Leben gerufen von Wirtschaft, Bund und Verbänden. Das Projekt läuft unter dem Namen «Check your Chance». Obwohl die Jugendarbeitslosigkeit in der Schweiz vergleichsweise tief ist, sei es wichtig, rechtzeitig und präventiv vorzubeugen. Zum Beispiel mit Programmen, die Jugendlichen zeigen, wie man zum Beispiel eine gute Bewerbung schreibt.