«Der chinesische Kleinanleger ist nicht besorgt»

Die Mehrheit des Kapitals an den chinesischen Börsen stammt – im Gegensatz zum Westen – von Kleinanlegern. Dennoch machen sich die Chinesen wegen der aktuellen Börsenturbulenzen kaum Sorgen.

Ein äterer chinesischer Anleger studiert die aktuellen Börsenkurse.

Bildlegende: Chinesische Kleinanleger profitierten stark vom Börsen-Boom. Deshalb gibt ihnen der Crash wenig Anlass zur Sorge. Reuters

Urs Morf ist gerade von einer privaten Reise durch China zurückgekehrt, während der der SRF-Ostasien-Korrespondent bekannte touristische Stätten besucht hatte. «Die allermeisten Touristen dort waren Chinesen, aus allen Provinzen des Landes», erzählt Morf. Die gut gekleideten Menschen, die er dort getroffen hat, haben zu einem grossen Teil nicht der Oberschicht angehört; es waren Mittelständler.

Mit dieser Anekdote will Morf verdeutlichen, warum die aktuellen Börsenturbulenzen in China die chinesischen Anleger weit weniger berühren als die Beobachter ausserhalb des Landes. «Der chinesische Kleinanleger an sich ist nicht besorgt», betont Morf.

Nur mit 15 Prozent des Familienvermögens an der Börse

Weit über 300 Millionen Chinesen zählen heute zur neuen Mittelschicht des riesigen Landes. Die meisten von ihnen sind Haus- oder Wohnungsbesitzer und haben in den letzten Jahren viel in die Innenausstattung ihrer Wohnungen und in Autos investiert. Und sie haben Geld für Reisen.

Gleichzeitig gibt es in China rund 90 Millionen Depotkonten. Weniger als ein Drittel der Menschen, die es sich eigentlich leisten könnten, haben ihr Vermögen in den Finanzmärkten angelegt. Diejenigen, die versuchen mit Wertpapieren Geld zu verdienen, tragen im Schnitt gerade einmal 15 Prozent ihres Haushaltvermögens an die Börse.

Lebhafte Diskussionen in sozialen Medien

Auch wenn die Mehrheit der Anleger an den chinesischen Börsen also private Kleinanleger sind, ist das Risiko, das sie tragen, eher gering. «Sogar bei einem Totalverlust durch einen grossen Börsensturz wäre das für die meisten verkraftbar», meint der SRF-Korrespondent.

In den sozialen Medien wird das Geschehen an den Börsen deshalb lebhaft diskutiert. «Von Angst oder gar Panik ist aber nichts zu spüren», sagt Morf. Viel mehr wird über die seltsam anmutenden und grösstenteils wirkungslosen Massnahmen der chinesischen Regierung zur Stabilisierung der Märkte debattiert.

Viele der 90 Millionen Anleger haben in den letzten Wochen Geld verloren, doch waren dies meist Buchverluste. Denn ein grosser Teil der Anleger sind schon vor dem Start des Börsenbooms im letzten Jahr eingestiegen. Deren Aktien haben bis zum Beginn der Turbulenzen um 170 Prozent an Wert zugelegt. In den letzten Tagen gingen davon rund 30 Prozent verloren. «Sogar jene Anleger, die erst im Januar dieses Jahres eingestiegen sind, liegen immer noch in der Gewinnzone.»

Private Broker helfen – aus eigenem Interesse

Der SRF-Korrespondent schliesst nicht aus, dass sich einige «die Finger verbrannt haben». Denn auch in China gab es Anleger, die zu spät – also erst im April oder Mai eingestiegen sind.

Doch auch diese müssen sich oft nur geringe Sorgen machen – wegen einer anderen Besonderheit des chinesischen Systems. In China investierten die Anleger ihr Geld nicht über Banken, sondern über private Brokerfirmen. Diese sind oft in der Gemeinde stark vernetzt, haben ganze Familienclans als Kunden. «Aus einer Mischung von Gesichtswahrung und Angst vor der Konkurrenz, wälzen sie oft nicht die gesamten Verluste auf die Kunden ab», erklärt Morf.

Private Aktienkäufe stark gefördert

Dass chinesische Kleinanleger überhaupt in Massen an die Börse strömen, führt Morf darauf zurück, dass diese in den vergangenen Wachstumsjahren einfach zu viel Ersparnisse anhäufen konnten. Bei den Banken bekommen sie kaum Zinsen auf dieses Geld. Und nach einer drohenden Immobilienblase hat der Staat den Kauf von Zweit- und Drittliegenschaften stark eingeschränkt. Deshalb blieb vielen nur noch die Börse, um auf dem Ersparten Rendite zu erzielen.

Ausserdem hatte die Regierung in Peking die Kleinanleger mit viel Engagement umworben. Wegen zwei Börsen-Baissen zwischen dem Ende der 90er-Jahre und 2007 waren die grossen Anleger – also Unternehmen und institutionelle Anleger – den Finanzmärkten ferngeblieben. Damit sich Unternehmen überhaupt via Börse Kapital beschaffen konnten, brauchten die Märkte nun dringend das Geld der Kleinanleger.

Das Gespräch führte Philip Meyer

Urs Morf

Porträt Urs Morf

Urs Morf war von 2008 bis 2015 vollamtlicher SRF-Korrespondent für Ostasien. Davor war er lange Jahre für die «Neue Zürcher Zeitung» tätig und berichtete anfangs aus China und später aus der gesamten Region Ostasien. Morf lebt in Bangkok.