«Der Fall Behring ist den Behörden vom Schlitten gefallen»

Es war die Zeit nach dem Platzen der Dotcom-Blase und dem globalen Börsencrash. Viele tauchten, er stieg auf: Der Finanzguru Dieter Behring häufte auf wundersame Weise exorbitante Gewinne an. Christian Mensch ist einer der profundesten Kenner des Betrugsfalls – und ordnet ihn nach dem Urteil ein.

Dieter Behring (2. von rechts) mit seiner Ehefrau und seinem Anwalt (2. von links)

Bildlegende: Gewerbsmässiger Betrug: Das Urteil des Bundesstrafgerichts lässt keine Zweifel an Behrings Gebaren offen. Keystone

  • Christian Mensch zum heutigen Urteil:

«An sich war das Konstrukt ein relativ einfaches Schneeballsystem, wie es jedes Jahr x-fach abgeurteilt wird. Es ist positiv für die Opfer, dass nun endlich ein Urteil vorliegt. Wenn die Erwartung der Betrogenen ist, dass sie ihr Geld zurück bekommen, ist es aber trotzdem enttäuschend. Das wird, wenn überhaupt, lange dauern und es wird auch nur ein Teil sein. Bei den Kleinsparern ist mein Mitleid grösser. Sie konnten viel weniger erkennen, worum es sich handelt. Diejenigen, die direkt bei Behring Geld verloren haben, waren alles gut bis sehr gute Betuchte. Sie haben alle noch Geld. Das ändert natürlich wenig an der persönlichen Betroffenheit, der Scham, den Schuldgefühlen.»

  • ...zum zwölfjährigen Marathonverfahren:

«Es war klar, dass es ein langes Verfahren wird. Aber mit zwölf Jahren konnte niemand rechnen. Es war ein grossangelegter, länderübergreifender Betrugsfall mit diversen Mittelsmännern. Das Geschäft ist den Behörden aus verschiedenen Gründen vom Schlitten gefallen: Fehleinschätzungen, personell ungünstige Konstellationen, die Strafgesetzrevision, Behrings Obstruktion. Es kam viel zusammen. Aber die Strategie der Bundesanwaltschaft konnte rückblickend nur scheitern: Sie wollten das ganze Konstrukt rekonstruieren. Stattdessen hätte sie 20-30 Einzelfälle nehmen und jeden einzelnen Schritt nachweisen können.»

  • ...zu Behrings Behauptung, er habe den «genetischen Code der Börse» geknackt:

«Behring war ein wahnsinnig guter Verkäufer. Fragen nach seiner Erfahrung und Vorgeschichte wurden ausgeblendet. Den ‹genetischen Code› stellte er gar nicht einmal in den Mittelpunkt seiner Präsentation. Er benutzte den Ausdruck, um nicht sagen zu müssen, wie er vorgeht: Es war sein Geschäftsgeheimnis. Unbestritten ist, dass Behring mit einer Form von computergestützter Auswertung arbeitete. Allerdings konnte auch ich als Laie erkennen, dass sein Hochrechnungsverfahren von Marktdaten statistisch zweifelhaft war. Es ist das ‹Verdienst› der Bundesanwaltschaft, dass man bis heute nicht wirklich weiss, wie es funktionierte.»

  • ...zum blinden Vertrauen seiner Kunden:

«Behring erbrachte einen schlagenden Beweis: Über Jahre hinweg hat er denjenigen, die es wollten, Gewinne ausbezahlt. Natürlich gab es Zweifler. Allerdings würde ich behaupten, dass die meisten Leute auch nicht verstehen, was ihnen ein Bankvertreter über Anlagemöglichkeiten erzählt – und dann trotzdem unterschreiben. In der Zeit, in der sein Geschäftsgebaren aufflog, gab es auch Banken, die in die ‹New Economy› investierten und massiv Geld verloren. Es gab Leute, die fragten, wo jetzt der Unterschied zu Behring lag. Die Banken seien die gleichen Gauner.»

  • ...zum «System Behring»

«Es bildeten sich verschiedene Kreise. Der innere wusste, dass er betrügerisch handelte. Der äussere hatte keine Ahnung, in was er geraten war. Für mich waren die Kreise dazwischen am Spannendsten: Diejenigen, die genau hätten wissen müssen, dass es nicht funktionieren kann; aber für sich selbst abgewogen haben: Will ich es jetzt genau wissen oder einfach profitieren? Eine Entscheidung zwischen Gier und Verstand. Und: Viele Bankinstitute sagten grossspurig: ‹Wir haben das geprüft und lassen die Finger davon.› Sie hätten natürlich auch einfach Anzeige erstatten können.»

Zur Person

Zur Person

ZVG

Nach 12 Jahren gibt es nun ein Urteil im Fall Behring, dem wahrscheinlich grössten Betrugsfall der Schweiz: Christian Mensch, Leiter der Redaktion Basel bei der «Schweiz am Sonntag», hat den Fall von Anfang an verfolgt.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Das Bundesstrafgericht in Bellinzona.

    Der Fall Behring und die Rolle der Bundesanwaltschaft

    Aus Echo der Zeit vom 30.9.2016

    Das Bundesstrafgericht verurteilte Dieter Behring zu einer Freiheitsstrafe von fünfeinhalb Jahren. Mehr als zehn Jahre brauchte die Bundesanwaltschaft, um ihn anzuklagen.

    Es kam zu Pannen: Chefermittler wurden ausgetauscht, die Strategie angepasst, Verfahren eingestellt und Bundesanwalt Lauber hat eine Strafanzeige wegen Falschaussage am Hals. Fakten und Einschätzungen.

    Alexander Grass