Der Franken wird weiterhin ausgebremst

Vor zwei Jahren entschied sich die Schweizer Nationalbank, den starken Franken zu zügeln. Eine Ankoppelung an den Euro wurde beschlossen – die Untergrenze bei 1.20 Franken festgesetzt. Ein Ausstieg aus der Mindestkursstrategie ist laut Experten in nächster Zeit nicht realistisch.

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Ankündigung des Euromindestkurs 06.09.2011

0:58 min, vom 3.9.2013

Es war ein selbstbewusster Auftritt, den Philipp Hildebrand am 6. September 2011 hinlegte. Mit ernster Miene trat der damalige Präsident der Schweizer Nationalbank SNB vor die Medien und verkündete die Einführung eines Mindestkurses des Euros gegenüber dem Franken.

Zu diesem Zeitpunkt lag die Schweizer Wirtschaft unter Druck. Die anhaltende Eurokrise löste eine Flucht in den Schweizer Franken aus und liess die bereits kräftige Währung noch stärker werden. Der Euro befand sich auf Talfahrt und näherte sich einem Wert von einem Franken. Die Unsicherheit für die Schweizer Exportwirtschaft nahm stetig zu. Zu teuer wurden die in der Schweiz produzierten Güter für Kunden im Euroland – dem grössten Schweizer Exportmarkt.

Effektvolle Worte

Der Auftritt sollte vor allem Vertrauen schaffen. Über die nächsten zwei Jahre wurde er mehrmals wiederholt. Gebetsmühlenartig versicherten Philipp Hildebrand und nach seiner Demission, sein Nachfolger Thomas Jordan, immer wieder, dass die SNB mit allen Mitteln gegen den starken Franken vorgehen werde. Der Euro soll einen Mindestwert von 1.20 Franken behalten.

Wie effektvoll solche Worte sind, zeigte sich auch gleich nach der ersten Ankündigung des Mindestkurses. Der Euro stieg von 1.09 Franken auf 1.21 Franken. Die konkreten Massnahmen blieben aber kryptisch.

Nur ein Blick in die Bilanz der Bank lässt darauf schliessen, welche Massnahme die Nationalbank ergriff. So erhöhte die SNB 2011 ihre Eurobestände von 89 auf 127 Milliarden. Dann, ein Jahr darauf, als Spanien und Zypern 2012 von der anhaltenden Krise getrieben ankündigten, den Euro-Rettungsschirm zu beantragen, steigerte sie ihre Eurobestände nochmals um 80 Milliarden.

Notwendiges Risiko

Für Thomas Flury war der Schritt der SNB der richtige Entscheid. «Man darf die SNB für ihren Entscheid loben», so der Währungsexperte der UBS. «Es war mutig, trotz Widerstände diesen Weg zu gehen. Man vergisst gerne, dass die Investitionspläne vieler Firmen aufgrund des starken Frankens am Boden lagen.»

Auch Rudolf Minsch, Chefökonom beim Wirtschaftsdachverband Economiesuisse, findet: «Die Intervention war absolut notwendig und ist es auch heute noch. Eine Währung sollte zwar frei fliessen können, die Situation vor zwei Jahren war aber aussergewöhnlich.» Der Schritt sei vor allem für die Planungssicherheit der Unternehmen wichtig gewesen, so Minsch. «Niemand wusste, wo sich der Euro einpendeln würde. Die Schwankungen waren zu stark.»

Für höhere Untergrenze

Die Meinung, dass der Euro gegenüber dem Franken noch stärker hätte bewertet werden sollen, vertritt Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes SGB. «Wir forderten damals eine Untergrenze von 1.40 Franken. Diese hätte aber Zusatzmassnahmen in Form eines Eingriffes in den freien Devisenhandel benötigt.» Laut Lampert wäre das ein sehr starkes Signal gewesen.

Eine Person hält in einer Hand 1.20 Fr. und in der anderen Hand einen Euro

Bildlegende: Der Euro-Mindeskurs zum Franken wird wohl noch eine Zeit bleiben. Keystone/archiv

Obwohl die Grenze der SNB die Lage stabilisierte, sei sie immer noch schwierig. «Die Industrie und der Tourismus stehen nach wie vor unter Druck.» Man dürfe nun nicht nervös werden. «Es ist wichtig, dass an der Untergrenze festgehalten wird und diese dadurch implizit verankert wird. Wenn sich die Bewertung der Devisen wieder näher an den fairen Kurs annähert und sich der Wert des Geldes an der Realwirtschaft orientiert, wird 1.20 ins kollektive Unbewusste übergehen.»

Dies geschah bereits zuvor: Damals griff die Nationalbank in den 1970er Jahren ein, um eine Überbewertung des Frankens gegenüber der D-Mark zu stoppen. Die Untergrenze von 80 Rappen pro D-Mark habe die Nationalbank nie explizit ausser Kraft gesetzt, erklärt Lampart. Bis zur Einführung des Euro wurde der Wert von 80 Rappen aber nie mehr unterschritten.

Ausstieg nicht absehbar

Ein Ende des Festhaltens an der Untergrenze ist nicht absehbar. Obwohl es momentan ruhiger um den Euro geworden ist und sich dieser leicht über dem Mindestwert eingependelt hat, ist ein baldiges Ende der SNB-Garantie nicht in Sicht. Dies hat auch SNB-Präsident Thomas Jordan zwei Jahre nach der Festlegung des Mindestkurses wieder bestätigt. Die unsichere Lage in Syrien und die Möglichkeit eines Militärschlages durch die USA, aber auch die immer noch vorhandenen strukturellen Probleme in der Eurozone könnten zu einer Wiederaufwertung des Frankens führen. «Die Europäische Zentralbank EZB hat etwas Ruhe vermittelt, mit der Ankündigung unbegrenzt Staatsanleihen zu kaufen», so UBS-Währungsexperte Thomas Flury. «Wenn es aber um die langfristige Finanzierungssicherheit geht, hat sich nichts verändert.»

Für einen Ausstieg aus der Mindestkursstrategie gibt es laut Flury zwei Szenarien. «Der angenehme Ausstieg wäre dann möglich, wenn die EZB den Leitzins wieder erhöht. Dadurch würde das Interesse am Euro wieder steigen. Eine negative Entwicklung wäre eine zunehmende Inflation, wodurch der Franken-Euro-Mindestkurs nicht mehr haltbar wäre. Dies wäre ein sehr komplizierter Ausstieg.»


Die Kritiker der SNB sind (fast) verstummt

2:25 min, aus SRF 4 News aktuell vom 06.09.2013

Für Rudolf Minsch von Economiesuisse sollten Ausstiegsgedanken da sein, einen Grund für Eile sieht der Chefökonom aber nicht. «In der Bilanz der SNB können die Eurobestände problemlos noch eine Weile stehen bleiben. Für den Abbau besteht kein zeitlicher Druck.»

Devisenkäufe und ihr Risiko

Aktuell hält die SNB Fremdwährung im Wert von über 444 Milliarden Franken. Diese sind starken Schwankungen ausgesetzt. Die SNB versucht dies durch eine Diversifizierung der Anlagen auszugleichen. So besitzt die Bank unterschiedliche Währungen und Anleihen sowie Aktien. Somit können Verluste in einem Bereich durch einen anderen ausgeglichen werden.

Warum 1.20 Franken?

Der Wert musste als glaubwürdig angesehen werden. Das heisst, die SNB muss diesen mit Eingriffen im Finanzmarkt verteidigen können. Der Franken musste für die Schweizer Wirtschaft zu verkraften sein und das Risiko einer Deflation reduzieren – ohne aber den Franken zu stark zu entwerten. Ansonsten wäre die internationale Akzeptanz weggefallen.