Der Pentagon-Chef in der Höhle des Löwen

Dem US-Verteidigungsministerium gehen die Programmierer aus. Deshalb hat es im Silicon Valley eine Charme-Offensive gestartet. Ausgerechnet dort, wo man der Armee grundsätzlich misstraut.

Carter und der Moderator sitzen auf braunen Ledersesseln vor dem Logo der Messe.

Bildlegende: Pentagonchef Ashton Carter (li) auf Werbetour an der Tech Crunch Disrupt in San Francisco. Reuters

Seit bekannt ist, dass der US-Geheimdienst NSA unsere Fotos anschaut, E-Mails und Facebook-Einträge mitliest – also seit Edward Snowdens Enthüllungen – steht es schlecht um die Beziehungen zwischen der Technologie-Szene und dem US-Militär. Trotzdem hat US-Verteidigungsminister Ashton Carter sich in die Höhle des Löwen gewagt.

An der Technologie-Messe Tech Crunch Disrupt im Silicon Valley gab er sich cool. Doch vor dem betont lockeren oder einfach schlecht gekleideten jungen Publikum wirkte Asthon Carter in seinem Anzug etwas steif. Der Moderator trug das Seinige dazu bei. Er fragte den Verteidigungsminister, ob er jemanden, der das Burning-Man-Festival besucht und etwas zu sich genommen habe noch anstellen würde. «Es kommt darauf an, was er nahm», antwortete der Verteidigungsminister.

Pentagon sucht innovative IT-Cracks

Mit der Charm-Offensive wollte Carter das Talent in den Technologiezentren anzapfen, denn dem Pentagon gehen die kreativen Programmierer aus. Deshalb hat es bereits Niederlassungen im Silicon Valley, Boston und neu auch in Austin, Texas eröffnet.

«Wenn ich euch entgegen komme, könnt ihr mitmachen bei etwas Grossem: die Sicherheit der Menschen zu gewährleisten», rief er dem Publikum zu. Doch das Misstrauen gegenüber dem Militär ist im Silicon Valley gross. Die Überwachung durch die NSA und Diskussionen um geheime Zugänge in Verschlüsselungstechnologie haben dem Image des Pentagons geschadet.

Viele würden nie fürs Militär arbeiten

Ein junger Mann sagte, Carter habe einen guten Auftritt gehabt, trotzdem würde er nie fürs Militär arbeiten, wegen des Geheimdiensts NSA. Die Armee sei gegen den freien Fluss der Information.

Ein anderer Mann stand in einer Schlange, die sich vor einer Virtual Reality Demonstration gebildet hatte. Auch er winkte ab. «Die Regierung ist nicht mein Ding. Ich will nicht in einer grossen, hierarchischen Organisation arbeiten.» Da könne man weniger kreativ sein und deshalb sei das Silicon Valley technologisch weiter als das Militär.

Andere haben weniger Skrupel

So denken viele Startup-Unternehmer, aber nicht alle. Ein blasser junger Mann meint «aber sicher» würde er eine Stelle beim Pentagon annehmen. «Wenn einem jemand eine Fahrt in einer Rakete anbietet, fragt man nicht, um welchen Platz es sich handelt, sondern sagt einfach zu.»

Das Militär sei technologisch weiter entwickelt als der Privatsektor. Es habe im Pentagon gewaltige Projekte wie das Gehirnfernsteuerungssystem Monarch und das Datenüberwachungsprogramm Prism gegeben. «Von haben wird nichts erfahren, bis es jemand Internes ausplauderte. Wer weiss, was das US-Militär jetzt macht», so der junge Mann weiter.

Ohne Militär gäbe es kein Silicon Valley

Historisch gesehen hat er recht, denn viele wichtige Innovationen stammen aus den Labors des Pentagons, etwa Drohnen, das Internet, GPS oder die Satellitenkommunikation. Das Silicon Valley wäre nicht das, was es heute ist, wenn grosse Investitionen des Militärs es in der Nachkriegszeit nicht zu einem Technologiezentrum gemacht hätten. Die Verbindungen zwischen dem Pentagon und Silicon Valley gehen also weit zurück. Verteidigungsminister Ashton Carter muss nur an diese Tradition anknüpfen, um weiterhin technologisch führend zu bleiben.

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