Der starke Franken: Des einen Freud, des anderen Leid

Vor einem halben Jahr hat die Schweizerische Nationalbank den Mindestkurs von 1,20 pro Euro aufgegeben. Seither notiert der Franken deutlich stärker, bei rund 1,05. Das verteuert Schweizer Produkte im Ausland und schadet dem Werkplatz. Dafür stehen die Konsumenten auf der Gewinnerseite.

Ein Mann nimmt ein Geldstück aus einem Portemonnaie.

Bildlegende: Starker Franken: Es gibt Gewinner und Verlierer. Keystone

Die Metall- und Maschinenindustrie sowie der Tourismus leiden. Ihre Produkte und Dienstleistungen wurden im Euroraum auf einen Schlag massiv teurer, als die Schweizerische Nationalbank SNB vor einem halben Jahr überraschend den Mindestkurs von 1.20 Franken pro Euro aufhob. Auch die Finanzbranche ächzt unter dem zusätzlich verhängten Negativzins von -0,75 Prozent, den die Institute bezahlen müssen, wenn sie Gelder bei der Nationalbank parkieren.

Es drohen Entlassungen

Dank gut gefüllten Auftragsbüchern konnten sich viele Exportfirmen bislang trotz teurem Franken einigermassen über Wasser halten. Aber der Leidensdruck nimmt zu. Einige planen deshalb, Betriebszweige ins Ausland zu verlegen oder gar ganz zu schliessen.

Die Gewerkschaften fürchten eine Entlassungswelle. Der Schweizerische Gewerkschaftsbund fordert deshalb, die Nationalbank solle erneut ein Wechselkursziel einführen. Sie müsse aktiv dafür sorgen, dass sich der Franken wieder abschwächt. Erst bei 1.30 pro Euro wäre der Franken wieder einigermassen fair bewertet, heisst es beim Gewerkschaftsbund.

Es gibt Verlierer und Gewinner

Dirk Niepelt, Ökonomie-Professor an der Universität Bern und Spezialist für Geldtheorie, winkt ab. Aus Sicht der Exportwirtschaft sei der Franken sicher überbewertet und das tue den betroffenen Branchen weh. Aber aus Sicht der Investoren beispielsweise sei der Franken fair bewertet.

Sonst würden sie ihn zum aktuellen Kurs nicht kaufen oder behalten wollen. Zudem gebe es auch Profiteure des starken Frankens. Beispielsweise könnten die Konsumentinnen und Konsumenten günstig im Ausland einkaufen oder Ferien machen. Oder Importeure könnten Mehrumsätze erzielen, weil sich ihre Produkte verbilligt haben.

Mindestkurs ist nicht durchsetzbar

Anders als die Gewerkschaften, meint Dirk Niepelt, die Nationalbank hätte zurzeit nicht die Kraft, erneut einen Mindestkurs durchzusetzen, nachdem sie ihn vor einem halben Jahr aufgehoben habe.

Er gibt zudem zu bedenken, die Nationalbank habe den Auftrag, für stabile Preise zu sorgen und nicht, über Gewinner oder Verlierer der Frankenstärke zu entscheiden oder darüber, wie die Vorteile der Importeure und der Konsumenten und Konsumentinnen, beziehungsweise die Verluste der Exporteure auszugleichen wären.

Aufhebung wird positiv bewertet

Die Schweiz will eine unabhängige Währung. Das sei breiter Konsens in der Schweizer Bevölkerung, sagt Professor Niepelt weiter. Und eine eigene Währung habe Vorteile und Nachteile. Zurzeit überwiegen die Nachteile für einzelne Branchen und der teure Franken hat die Konjunktur deutlich abgebremst.

Im zweiten Quartal schrumpfte die Wirtschaft sogar leicht. Und auch die Negativzinsen schmerzen. Trotzdem hält sich die Kritik an der Nationalbank in Grenzen. In einer breit angelegten Umfrage haben sich denn auch kürzlich zwei Drittel der Befragten positiv geäussert zur Aufhebung des Mindestkurses.

Bremsspuren, aber kein Absturz

Niepelt geht deshalb davon aus, dass die Nationalbank ihren aktuellen Kurs weiterführen wird. Die Frankenhüter werden Gegensteuer geben und am Devisenmarkt intervenieren, falls sich der Franken zu sehr in Richtung 1:1 gegenüber dem Euro bewegt. So wie sie dies kürzlich getan haben, als sich die Griechenland-Krise verschärfte.

Inzwischen hat sich die Lage wieder etwas entspannt. Aber wie stark die Bremsspuren sind, die die aktuelle Geldpolitik der Nationalbank in der Schweizer Wirtschaft hinterlässt, wird sich erst in der zweiten Jahreshälfte zeigen. Bislang geht die Mehrheit der Konjunkturbeobachter davon aus, dass die Schweizer über das gesamte Jahr betrachtet leicht wachsen kann. Trotz starkem Franken.

Dirk Niepelt

Dirk Niepelt

Der Direktor des Studienzentrums Gerzensee – eine Stiftung der Schweizerischen Nationalbank – ist Professor für Ökonomie an der Universität Bern. Dirk Niepelt befasst sich vor allem mit Makroökonomie, internationalen und öffentlichen Finanzen sowie politischer Ökonomie.