Die Angst vor einer Schweiz ohne Industrie

In der Schweiz gehört noch immer jeder vierte Arbeitsplatz zum Industriesektor. Sie machen 20 Prozent der Wertschöpfung aus. Doch seit dem Frankenschock gehen Umsätze und Aufträge in der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie zurück – steht eine Deindustrialisierung bevor?

Ein Fabrikgebäude. Davor eine Strasse mit einem Stoppsignet.

Bildlegende: Die Aufträge in der Industrie nehmen ab. Manche fürchten, dass damit ein irreversibler Strukturwandel eingeleitet ist. Keystone

Arbonia Forster: minus 400 Stellen, Huber und Suhner: minus 50 Stellen oder Komax: minus 40 Stellen. Noch kommen die schlechten Nachrichten portionenweise und hinterlassen in der Statistik keine grossen Spuren.

Boris Zürcher vom Staatsekretariat für Wirtschaft Seco, verweist auf zwei Indikatoren: Die Wertschöpfung des industriellen Sektors an der gesamten Wertschöpfung und der Anteil der Beschäftigungen. «Bei beiden sehen wir bislang keine dramatische Entwicklung.»

«  Durch die Frankenaufwertung könnte ein Strukturwandel stattfinden, der nicht mehr reversibel ist. »

Boris Zürcher
Staatssekretariat für Wirtschaft

Doch Entwarnung gibt er nicht. Dass die Zahl der Beschäftigten in der Industrie leicht abnimmt, sei ein allgemeiner Trend weltweit. Einfache Arbeiten werden immer mehr von Robotern ausgeführt. Gefährlich wäre jedoch für die Schweiz, wenn es zu einer Art Erosion käme. «Durch die Frankenaufwertung könnte ein Strukturwandel stattfinden, der über diesen Trend hinausgeht. Der ist dann oft nicht mehr reversibel.»

Denn mit den Arbeitsplätzen geht auch Fachwissen verloren. Und das kostet: zuerst bei der Arbeitslosenversicherung, später bei der Umschulung. Und je mehr Menschen es trifft, umso belastender und schwieriger ist die Rückkehr in die Arbeitswelt.

Schweizer Industrie ist widerstandsfähig

Noch mag niemand so richtig glauben, dass es die Schweizer Industrie heftig treffen könnte. Auch der Forscher bei der Konjunkturforschungsstelle KOF, Spiros Arvanitis, nicht. «Bisher war unsere Industrie relativ widerstandsfähig, weil sie so innovativ und produktiv ist», sagt er.

Die Industrie sei ein Leitsektor, Treiberin der Innovation, Treiberin des Produktivitätsfortschrittes und somit des Wohlstandes in einem Land. Natürlich könne ein Land heute alle Güter importieren. Dann habe man aber keinen Einfluss mehr auf die Qualität.

Industrie stabilisiert ein Land

Das Schweizer Gesundheitswesen zum Beispiel könne qualitativ so hochstehend sein und sich weiter entwickeln dank dem Industrie-Sektor, glaubt Arvanitis. Es sei kein Zufall, dass die Spitaldienstleistungen so gut seien. «Weil die Medizinaltechnik und die Pharmabranche in der Schweiz sehr stark vertreten sind.» Der Industrie-Sektor sei mit seinen physischen Produkten die tragende Säule. Und darauf baue der Dienstleistungssektor auf.

Eine starke Industrie diene deshalb dem Wohlstand und der Stabilität eines Landes. Das zeigte die jüngste Finanz- und Wirtschaftskrise: Deutschland und die Schweiz mit je einem Industrie-Anteil von rund 20 Prozent haben die Krisen besser überstanden, als zum Beispiel Frankreich, wo der Anteil bei etwas über zehn Prozent ist. Nicht umsonst strengen sich die USA, aber auch Frankreich oder Grossbritannien so sehr an, Industrie-Arbeitsplätze wieder ins Land zu holen.