Die Antwort der Schweizer Firmen auf den starken Franken

Vor anderthalb Monaten wurde der Franken stärker. Angst vor einer Entlassungswelle in der Exportindustrie kam auf. Das ist bisher nicht passiert, und dennoch reagieren immer mehr Unternehmen auf die neue Frankenstärke. Sie lassen ihre Angestellten länger arbeiten.

Schon wieder wurde ein Stellenabbau in der Schweiz angekündigt. Der Hörgeräte-Hersteller Sonova verlagert einen Teil seiner Produktion nach Grossbritannien und China. In der Schweiz gehen hundert Arbeitsplätze verloren. Das ist praktisch jede zehnte Stelle.

Sonova ist schon länger daran, Montagearbeiten in Länder auszulagern, in denen billiger produziert werden kann. Nun beschleunige sich diese Entwicklung, sagt Konzernchef Lukas Braunschweiler: «Nach dem Entscheid der Nationalbank hat sich das akzentuiert. Der Schweizer Franken wurde massiv stärker.»

Kosten in der Schweiz verhindern

Wie Sonova wollen auch andere Unternehmen arbeitsintensive Teile der Produktion ins Ausland verlagern, um ihre Kosten in der Schweiz zu verringern. Die Freiburger Lem-Gruppe, die unter anderem elektronische Bauteile für die Autoindustrie herstellt, forciert ihren Ausbau in Bulgarien, während hierzulande Stellen verloren gehen.

Das Flugzeugwartungs-Unternehmen SR Technics baut ab, ebenso verschwinden Arbeitsplätze im Stahlwerk Gerlafingen oder bei Alu Menziken. Die Liste wird immer länger. Das seien aber Ausnahmen, betont Peter Dietrich, Direktor des Industrie-Verbands Swissmem: «Beim Stellenabbau sind es ganz wenige, das ist nicht das grösste Thema zurzeit.»

Mehr arbeiten für weniger Geld

Viel häufiger würden in den Unternehmen der Exportindustrie die Arbeitszeiten angepasst. Das heisst, dass die Angestellten, bei gleichem Lohn länger arbeiten müssen, um die bestellte Ware günstiger zu produzieren. «Dort sehen wir eine Zunahme, die stärker ist, als wir das kannten», sagt Braunschweiler. Es seien rund 35 dem GAV unterstellte Unternehmen, die zusammen mit ihren Arbeitnehmervertretungen die Arbeitszeiten angepasst haben.»

Mehr arbeiten die Angestellten beispielsweise beim Industrie-Konzern Georg Fischer, beim Drehmaschinen-Hersteller Tornos, beim Auto-Zulieferer Feintool, beim Bahn-Konzern Stadler Rail oder beim Haushalt-Geräte-Hersteller V-Zug. Auch diese Liste wird immer länger. Der Gesamtarbeitsvertrag der Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie sieht die Möglichkeit von längeren Arbeitszeiten ausdrücklich vor, sofern die Angestellten einverstanden sind. Daniel Lampart, Chefökonom des Gewerkschaftsbunds, beobachtet die Entwicklung dennoch mit Sorge:

«Wir sind erschrocken, wie schnell die Unternehmen reagiert haben.» Sie hätten schneller reagiert als 2009. «Wir gingen davon aus, dass die Firmen abwarten würden, ob sich der Franken etwas abwerten würde», sagt Lampart.

Doch diese Zeit wollen sich viele Unternehmen offensichtlich nicht nehmen: Sie leiten bereits jetzt Massnahmen ein, damit sie möglichst konkurrenzfähig bleiben und keine Kunden verlieren und damit ihre Gewinnmargen nicht vollständig dahinschmelzen.

Lohnsenkungen verhindert

«Wir haben viele Firmen, die haben teilweise auch Lohnsenkungen versucht. Das haben die Gewerkschaften grösstenteils verhindern können. Aber Entlassungen oder Arbeitszeitsverlängerungen, das ist die Realität.»

Die Unternehmen, die die Arbeitszeiten verlängern, verfügen immerhin über volle Auftragsbücher. Wie lange das so bleibt, lässt sich aber nicht abschätzen. Swissmem-Direktor Peter Dietrich: «Man arbeitet an Aufträgen aus dem Vorjahr. Diese gehen zurück.» Das wird heissen, dass auch die hohe Auslastung zurückgehen wird.

Anträge für Kurzarbeit

Dann dürfte auch Kurzarbeit wieder eine Option sein, um Entlassungen zu verhindern. Im Januar haben die Kantone 370 Anträge für Kurzarbeit bewilligt, wie das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) auf Anfrage bekannt gab. Davon betroffen sind rund 5000 Angestellte. Das ist erst wenig. Die Situation könnte sich aber rasch ändern, wenn es den Unternehmen nämlich nicht gelingt, neue Aufträge an Land zu ziehen. Das hängt stark davon ab, wie sich der Frankenkurs entwickelt. Gewerkschaftsbund-Chefökonom Daniel Lampart: «Wenn sich der Franken rasch abwertet, kommt die Schweiz mit einem blauen Auge davon.»

Wenn dies nicht eintrifft, sieht es düster aus. Arbeitgeber wie Arbeitnehmerorganisationen sind sich einig. Die Unternehmen haben in den vergangenen Jahren bereits viel unternommen, um ihre Kosten zu senken. Den Gürtel noch enger zu schnallen ohne einen markanten Stellenabbau ist wohl kaum mehr möglich