Die etwas anderen Stau-Rezepte

Jahr für Jahr fahren mehr Autos auf Schweizer Strassen. Rund 70‘000 Fahrzeuge mehr sind es seit dem letzten Jahr. Das sagen neuste Zahlen des Bundesamtes für Statistik. Mehr Fahrzeuge bedeuten auch mehr Stau – gerade zu den Stosszeiten. Dafür verantwortlich sind hauptsächlich die Arbeitgeber.

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FOKUS: Noch mehr Autos auf den Strassen

3:08 min, aus 10vor10 vom 4.2.2016

Thomas Schneider und Armin Siegmund arbeiten beide seit über 20 Jahren bei der Zürich Versicherung. Jahrelang fahren sie alleine vom Bodensee nach Zürich. Bis die Zürich eine Initiative startet und die Plätze in der Tiefgarage bevorzugt an Fahrgemeinschaften vergibt. Seither fahren die beiden jeden Morgen zusammen die 70 Kilometer nach Zürich und zurück. Darin sehen sie viele Vorteile: Keine Parkplatzsuche mehr und sie sparen Sprit. «Wir können uns ausserdem mit dem Fahren abwechseln und noch ein bisschen Smalltalk betreiben», sagt Schneider.

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FOKUS: Rezepte gegen den Stau

4:20 min, aus 10vor10 vom 4.2.2016

Verantwortlich für die Stosszeiten morgens und abends sind vor allem die Arbeitgeber. Und die sehen sich durchaus in der Pflicht. «Wir sind uns der Verantwortung bewusst», sagt Markus Bechtiger, Personalchef der Zürich. «Deshalb versuchen wir mit Modellen wie Fahrgemeinschaften, Veloprogrammen und flexiblen Arbeitszeiten unseren Beitrag zu leisten.»

Eine Variante: Home Office

Bereits flexibel arbeitet Jean-Marc Pfammatter, Teamleiter bei Microsoft. Bis kurz vor Mittag dient ihm sein Wohnzimmer als Büro. Verstopfte Züge und Staus auf dem Arbeitsweg kennt er nicht. Wenn er um die Mittagszeit für Sitzungen und persönliche Gespräche ins Büro fährt, sind die Züge halb leer. «Das ist ein grosser Vorteil. Im Zug kann ich so konzentriert arbeiten. Und mit dem Auto brauche ich nur die Hälfte der Fahrzeit.» Bei Microsoft steht Home-Office allen Mitarbeitern offen. Und es wird rege genutzt: Jeder Mitarbeiter bleibt im Schnitt einen Tag zu Hause.

23 Schritte von der Küche bis zum Schreibtisch: Zukunftsforscher Georges Roos aus Luzern hat seinen Arbeitsweg längst optimiert. Er hofft, dass die Arbeitgeber ihren Spielraum bald nutzen werden. «Der Tausch, Zeit gegen Geld ist eine Denkweise, die zur industriellen Produktion passt.» Mehr als die Hälfte der Schweizer seien Schätzungen zufolge Wissensarbeiter. Sie könnten im Prinzip von überall her arbeiten. «Wichtig sind klar definierte Aufgaben. Wann und wo ein Arbeitnehmer sie erfüllt, könnte man ihm dann selbst überlassen.» Doch dafür brauche es eine Führungskultur, die auf Vertrauen basiert.

Die Zukunft: Selbstfahrende Shuttle-Busse?

Roos kann sich auch neuartige Ansätze vorstellen: Office-Boxen in den Quartieren, bei denen Firmen Arbeitsplätze anmieten können, so dass die Angestellten an manchen Tagen in der Nähe arbeiten können. Oder auch ein Modell wie im Silicon Valley, wo Kleinbusse der Unternehmen die Mitarbeiter Zuhause abholen. «Das könnte man mit einer App flexibel organisieren», sagt Roos. «Richtig interessant wird dieses Modell, wenn selbstfahrende Autos zum Einsatz kommen. Dann wird es billiger – denn man braucht keinen Chauffeur mehr.»

So weit sind wir noch nicht. Doch Home-Office-Modelle, Fahrgemeinschaften, flexible Arbeitszeiten und Anreize zur Nutzung von Fahrrädern oder öffentlichen Verkehrsmitteln sind immerhin ein Anfang.