Chinas neue Strategie «Die Schweiz muss ihren Vorsprung ausnutzen»

Billige Massenware aus China, das war gestern. Neu setzt das Reich der Mitte auf hochstehende High-Tech-Qualität. Konkurrenz aber auch Chance für uns, ist ein Wirtschaftsexperte überzeugt.

SRF-News: China peilt Innovation, Qualität und Effizienz an. Das sind die Qualitäten, mit denen sich auch die Schweizer Wirtschaft profiliert. Ist mit neuer Konkurrenz zu rechnen?

Ruedi Nützi: Der Unterschied liegt darin, dass die Schweiz bereits eine Innovationswirtschaft ist, während China erst den Übergang plant. Ich denke, wenn wir diesen Vorsprung auch weiterhin halten können, dann haben wir gute Chancen uns durchzusetzen und zu behaupten.

Darum geht es

  • In China geht die jährliche Sitzung des Parlaments, der nationale Volkskongress, zu Ende. Ein wichtiges Thema war «Made in China 2025». Das ist ein Programm zur Modernisierung der chinesischen Wirtschaft.
  • «Made in China» soll dann nicht mehr für billige Massenware stehen, sondern für hochwertige High-Tech-Produkte.

Aber China ist die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt. Haben Schweizer Unternehmen angesichts dieses gigantischen Players überhaupt eine Chance, sich durchzusetzen?

Aktuell sind über 800 Schweizer Firmen in China tätig. Das Land ist für die Schweiz der drittwichtigste Handelspartner. Wir haben eine strategische Partnerschaft im Bereich Innovation und wir haben das Freihandelsabkommen mit China. Die Schweiz geniesst in China einen exzellenten Ruf. Unter dem Strich sind das gute Voraussetzungen für Schweizer Firmen.

Mit welcher Strategie gelingt es der Schweizer Wirtschaft am besten, sich gegenüber China gut aufzustellen?

Die Schweizer Wirtschaft ist sehr innovativ, diversifiziert und in vielen Branchen tätig. Wir sind exportorientiert. Und wir haben einen entscheidenden Vorsprung gegenüber China: ein exzellentes Bildungssystem. Die Chinesen sind gut im Organisieren, im Pläne realisieren. Doch Innovation lässt sich nicht Top-Down organisieren.

«  Wir haben einen entscheidenden Vorsprung gegenüber China: ein exzellentes Bildungssystem. »

Soll man das Ganze also den Unternehmen überlassen und politisch nicht eingreifen, wie das etwa China macht?

Nein, das denke ich nicht. China ist eine Wirtschaft, die letztlich vom Staat gelenkt und organisiert wird. Die Schweiz überlässt Markt und Innovation vielfach den Unternehmen. Das ist gut so. Aber gegenüber China braucht es eine Strategie. Das heisst, wir müssen auch auf politischer Ebene aktiv werden.

«  Wir müssen auch auf politischer Ebene aktiv werden. »

Was heisst das?
Wir haben das Freihandelsabkommen mit China. Da gilt es noch härter aufzutreten. Wir können in China keine Firma kaufen. Umgekehrt versuchen chinesische Grossinvestoren, Schweizer Firmen zu kaufen, wie etwa Syngenta. Da gilt es, gleich lange Spiesse herzustellen.

Das Freihandelsabkommen mit China gibt es seit Juli 2014. Bringt es der Schweiz Vorteile gegenüber anderen Ländern, beispielsweise aus der EU?

Ja. Wir sind das einzige Land in Europa, das dieses Freihandelsabkommen hat. Es gilt, dieses Zeitfenster von vielleicht vier fünf Jahren zu nutzen und aus diesem Freihandelsabkommen den entscheidenden Vorsprung gegenüber anderen europäischen Ländern herauszuholen.

«  Wir müssen mit diesem Freihandelsabkommen den entscheidenden Vorsprung gegenüber anderen europäischen Ländern herausholen. »

Ziehen wir ein Fazit. China plant, sich mit hochwertigen Produkten im High-Tech-Bereich neu aufzustellen. Ist die aus Schweizer Sicht nun gut oder eher ein Grund zur Sorge?

Es ist kein Grund zur Sorge, wenn wir die Schweizer Qualitäten weiterhin pflegen. Wenn wir weiterhin in Köpfe, also Bildung, investieren und dranbleiben ist es eigentlich ein gutes Zeichen.

Ruedi Nützi

Ruedi Nützi

Direktor der Hochschule für Wirtschaft der Fachhochschule Nordwestschweiz. Er war Teil der Delegation, die Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann 2016 nach China begleitet hat.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Die Hoffnung auf ein baldiges Fallen aller Handelsschranken: Der chinesische Präsident und die Schweizer Bundespräsidentin stossen darauf an.

    Staatsbesuch aus China – die Bilanz

    Aus Echo der Zeit vom 16.1.2017

    In Bern ist der zweitägige Staatsbesuch von Chinas Präsident Xi Jinping zu Ende gegangen. Zehn Vereinbarungen wurden unterschrieben, einige davon zu wirtschaftlichen Fragen. Diplomatische Misstöne wie beim letzten Besuch 1999 gab es nicht.

    Curdin Vincenz

  • Händedruck nach der Unterzeichnung von Vereinbarungen: Chinas Handelsminister Geo Hucheng und Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann.

    Chancen und Risiken des Freihandels mit China

    Aus Echo der Zeit vom 16.1.2017

    Das bilaterale Verhältnis zwischen der Schweiz und China stehe an einem neuen Punkt, sagte der chinesische Präsident Xi Jinping am Ende des Staatsbesuchs. Beide Länder hätten ähnliche oder gemeinsame Positionen beim Thema Freihandel und bei der friedlichen Beilegung internationaler Dispute.

    Das Gespräch mit Tomas Casas, Direktor des China-Kompetenz-Zentrums der Universität St. Gallen.

    Nicoletta Cimmino