Kontaktlose Konten Die vergessenen Alters-Milliarden

Auf kontaktlosen Konten der zweiten und dritten Säule der Altersvorsorge schlummern 4,5 Milliarden Franken.

Das Wichtigste in Kürze

  • Wenn jemand eine Stelle verlässt und nicht gleich eine neue antritt, geht das Pensionskassengeld nicht selten vergessen.
  • Insgesamt gelten in der Schweiz 780'000 Konten der Altersvorsorge als kontaktlos, das heisst, die Vorsorgeeinrichtung kann die Besitzer nicht kontaktieren.
  • Nun will ein Verein die Bevölkerung besser informieren, damit erst gar keine kontaktlosen Konten entstehen.

Wer arbeitet, zahlt in der Regel einen Teil seines Lohnes in die Altersvorsorge ein. Doch offenbar geht immer wieder so angespartes Geld vergessen, wie Emmanuel Ullmann sagt, der Generalsekretär des Vereins Vorsorge Schweiz. «Wenn jemand seine Arbeitsstelle verlässt und nicht sofort einen neuen Arbeitgeber hat, wird für sein Pensionskassengeld ein Freizügigkeitskonto eröffnet.»

Auf diesem Freizügigkeitskonto wird das Geld zwischengelagert, bis der Arbeitnehmerin oder der Arbeitnehmer eine neue Stelle mit einer neuen Pensionskasse antritt. Dann müsste das zwischengelagerte Vorsorgegeld an die neue Pensionskasse überwiesen werden.

Fehlende Adressen

Doch genau das geht nicht selten vergessen. In der Schweiz sind 780'000 Konten kontaktlos. Die Vorsorgeeinrichtungen verwalten damit insgesamt 4,5 Milliarden Franken von Leuten, die sie nicht kontaktieren können, etwa weil sie keine aktuellen Adressdaten oder Telefonnummern haben.

«  Wenn jemand seine Arbeitsstelle verlässt und nicht sofort einen neuen Arbeitgeber hat, wird für sein Pensionskassengeld ein Freizügigkeitskonto eröffnet. »

Emmanuel Ullmann
Generalsekretär Vorsorge Schweiz

Der Verein Vorsorge Schweiz möchte verhindern, dass kontaktlose Konten überhaupt entstehen. Ziel ist es, die Bevölkerung besser über die Freizügigkeitskonten und die kontaktlosen Konten zu informieren. Zudem soll die Zusammenarbeit unter den Vorsorgeeinrichtungen verbessert werden, um die Besitzer besser aufstöbern zu können.

25 Jahre im Sicherheitsfonds

Wenn das Geld trotz allem vergessen bleibe, schreibe das Gesetz das weitere Vorgehen vor, sagt Ullmann. «Wenn die Frau 74 oder der Mann 75 Jahre alt wird, muss das Geld an den sogenannten Sicherheitsfonds überwiesen werden.»

Der Sicherheitsfonds behält die Gelder weitere 25 Jahre, also bis die Besitzer 100-jährig wären. Dann fliesst das Geld ins System, wo es zum Beispiel wankenden Pensionskassen zugutekommen kann, um die Vorsorgegelder ihrer Versicherten zu schützen.

Das sagt Matthias Kuert, Leiter Sozialpolitik bei TravailSuisse und Präsident der Stiftung Sicherheitsfonds BVG:

Viele der kontaktlosen Konten gehören Personen, die nur kurz in der Schweiz gearbeitet haben und nun wieder im Ausland leben. Im Einzelfall geht es meist um eher kleine Beträge von wenigen Tausend Franken. Zwar klingen die 4,5 Milliarden Franken nach viel Geld. Verteilt auf 780'000 Einzelkonten und im Vergleich zu den insgesamt 800 Mrd. in der Schweiz in der zweiten Säule angesparten Franken geht es um einen eher kleinen Gesamtanteil.

Die Schwierigkeit bei der Zuordnung der Gelder hat mit der dezentralen Organisation der zweiten Säule zu tun: Sie besteht aus vielen, oftmals kleinen Kassen ohne eine zentrale Verwaltung aller in der Schweiz versicherten Personen. Es lässt sich festhalten: In rund 40 Prozent der Fälle von Anfragen können die verlorenen Gelder dem rechtmässigen Besitzer zugewiesen werden.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Wirtschaftsverbände gegen Altersvorsorge 2020

    Aus Tagesschau vom 13.5.2017

    Die Volksabstimmung über die Rentenreform 2020 ist heiss umkämpft. Neben Economiesuisse schliessen sich mit Hotellerie Suisse und Gastrosuisse weitere Wirtschaftsverbände dem Nein-Lager an.

  • Der Renten-Kompromiss: Ein guter Entscheid, aber gleichzeitig eine bittere Pille, sagt eine Frau auf dem Bundesplatz.

    «Altersvorsorge 2020» – Stimmen vom Bundesplatz

    Aus Echo der Zeit vom 16.3.2017

    Was im Innern des Bundeshauses zur AHV-Reform entschieden wurde, interessierte draussen auf dem Bundesplatz auch Passantinnen und Passanten.

    Peter Maurer