Die Welt versinkt in Schulden

Unternehmen und Staaten leben auf Pump. In Industrieländern, aber auch in Entwicklungs- und Schwellenländern, wo die Schuldenkurve steil nach oben zeigt. Der Internationale Währungsfonds ist alarmiert: Der riesige Schuldenberg könne zu einem Risiko für die Finanzstabilität werden.

Eine Frau macht ein Foto der Schuldenuhr, einer Digitalanzeige an einer Aussenwand.

Bildlegende: Die Schuldenuhren ticken und ticken – wie hier im brasilianischen Sao Paulo. Imago

Schulden, wo immer man auch hinblickt: Nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds stehen allein Unternehmen und Banken in Entwicklungsländern mit drei Billionen Dollar in der Kreide. José Vinals, Direktor Kapitalmärkte beim IWF, warnt: Die hohe Verschuldung der Unternehmen mache die ärmeren Länder anfälliger, wenn sich der Wirtschaftsabschwung und der Kapitalabfluss fortsetzen.

Die Chance, dass diese Schulden in absehbarer Zeit abgebaut werden können, ist klein. Im Gegenteil dürfte sich der Verschuldungstrend noch deutlich verschärfen.


IWF warnt vor Überschuldung

3:34 min, aus Echo der Zeit vom 09.10.2015

Ärmere Länder stecken in der Falle

Viele arme Länder steckten regelrecht in der Schuldenfalle, sagt Bodo Ellmers von der Nichtregierungsorganisation Eurodad, die sich für Entschuldungsinitiativen einsetzt.

Sie müssten neue Schulden machen, um alte zu begleichen. Das liege unter anderem daran, dass es in den letzten Jahren gerade für Entwicklungsländer sehr einfach gewesen sei, Kredite aufzunehmen. «Es war viel billiges Geld auf dem Markt, die Zinsen waren niedrig. Dies vor allem, weil die Zentralbanken in den USA und Europa versucht haben, die Krisen im Norden mit billigem Geld zu bekämpfen.»

Vieles davon sei auch in den Süden geflossen. Das sei erst einmal gut gewesen für sie, weil sie Entwicklungsprojekte mit billigem Geld finanzieren konnten. Das Problem sei aber, dass die Zinsen bald wieder steigen dürften, sagt Ellmers. «Viele Entwicklungsländer sind jetzt hoch verschuldet und werden künftig billige Kredite mit teureren Krediten umschulden müssen. Das wird zu Schuldenkrisen führen.»

«  Arme Länder müssen neue Schulden machen, um alte zu begleichen. »

Bodo Ellmers
Referent bei Eurodad

Eine Überschuldung befürchtet auch der IWF, auch wenn die Gefahr im Moment noch nicht akut sei. Trotzdem rät er Industrieländern auch auf dieser Jahrestagung, die Politik der offenen Geldhähne fortzusetzen. IWF-Vertreter Vinals verteidigt diese Politik. Auch wenn es gewisse unerwünschte Nebeneffekte gebe, sei nicht alles daran falsch gewesen, sagt er. Ohne sie wäre das Wachstum noch schwächer.

Eurodad fordert Schuldenerlasse

Was armen Ländern im Extremfall droht, ist aus den 1980er- und 90er-Jahren in Erinnerung: Überschuldung, Vertrauensverlust an den Märkten, grosse Abschreibungen bei den Gläubigern. Da auch arme Volkswirtschaften immer vernetzter sind, können die Probleme schnell auf andere Länder übergreifen.

Um das zu verhindern, plädieren Nichtregierungsorganisationen wie Eurodad für Entschuldung, wie das bereits in den 1980er-Jahren durchgeführt wurde – unterstützt vom IWF. Ellmers sagt dazu: «Erstmal würden wir empfehlen, nicht weiter Schulden aufzubauen, sondern diese abzubauen. Unter anderem durch Schuldenumstrukturierung und -erlasse für notleidende Länder weltweit.»

Weiterhin billiges Geld von der EZB

Doch diese Entschuldungsmechanismen gibt es inzwischen nicht mehr. In Industrieländern ist das Problem der Verschuldung zwar noch nicht akut. Aber es gibt einige Faktoren, die das Risiko steigen lassen: Die Zinsen in Europa sind sehr tief, nicht zuletzt wegen der Interventionen der Europäischen Zentralbank (EZB).

Das verleite sehr viele Finanzminister dazu, mehr Geld auszugeben, als sie sollten, heisst es beim IWF. Und die Kosten, die durch die Flüchtlingsströme auf die europäischen Länder zukommen, dürften den Trend noch verschärfen.

Plan gegen Steuervermeidung

Die G20-Finanzminister haben den von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) vorgelegten Plan zur Bekämpfung der Steuervermeidung internationaler Konzerne gebilligt. Mittels 15 Massnahmen soll sichergestellt werden, dass Unternehmen ihre Steuern in den Ländern entrichten, in denen sie ihre Einnahmen erzielen.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Grosskonzerne sollen nicht mehr durch das Verschieben von Gewinnen ihre Steuerschuld kleinrechnen können.

    G20 schnüren Paket gegen Steuerschlupflöcher

    Aus Echo der Zeit vom 9.10.2015

    Konzerne wie Starbucks, Apple oder Google verschieben ihre Gewinne über die Landesgrenzen und sparen so legal Steuern. Am Rande der Jahrestagung von IWF und Weltbank in Lima einigten sich die Finanzminister der G20 auf neue Massnahmen.

    Doch selbst sie haben Zweifel, dass die Steuervermeidung internationaler Konzerne bald Vergangenheit ist.

    Maren Peters

  • Weil es keine öffentliche Wasserversorgung gibt, müssen die armen Menschen, die in selbstgezimmerten Hütten wohnen, das Wasser kaufen.

    IWF-Jahrestagung in Peru

    Aus Rendez-vous vom 8.10.2015

    Das bedeutendste Finanztreffen der Welt findet in diesem Jahr in der peruanischen Hauptstadt Lima statt. Kein Land Lateinamerikas ist in den letzten zehn Jahren so stark gewachsen wie der Andenstaat.

    Doch mit dem Verfall der Rohstoffpreise scheint auch das «peruanische Wirtschaftswunder» zu Ende zu gehen. Eine Situation, die im Moment typisch ist für viele Entwicklungsländer.

    Maren Peters