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Drei Jahre Mindestkurs-Ende SNB-Präsident: Schweiz vor «verheerenden Folgen» bewahrt

Thomas Jordan verteidigt die Abschaffung des Mindestkurses mit dramatischeren Worten als je zuvor.

Legende: Video War die Entscheidung richtig? Reto Lipp diskutiert mit Thomas Jordan und Axel Weber. abspielen. Laufzeit 9:24 Minuten.
Aus ECO Talk vom 22.01.2018.

«Das ist ein Ereignis, das man nicht vergisst, wenn man dort gestanden ist», sagt Thomas Jordan im Rückblick zu seinem Auftritt vor den Medien am 15. Januar 2015. Sichtlich nervös verkündete er an jenem Donnerstag: «Die Nationalbank hat beschlossen, den Mindestkurs von 1,20 Franken zum Euro per sofort aufzuheben und ihn nicht mehr mit Devisenkäufen durchzusetzen.»

Die Konsequenzen: Turbulenzen an der internationalen Finanzmärkten, Banken, die ihre Systeme zum Schutz herunterfuhren, eine schlagartige Aufwertung von Schweizer Produkten um 20 Prozent, geschätzte 20’000 Stellen weniger in der Industrie.

Was ist, wenn wir den Entscheid zu spät treffen?

Dennoch sagt Thomas Jordan im «ECO Talk»: «Es war ein Entscheid, der absolut richtig war und den wir zum richtigen Zeitpunkt getroffen haben.»

Er begründet: «Für uns war zentral: Was ist die Wirkung, wenn wir den Entscheid zu spät treffen? Wenn wir den Entscheid nicht am 15. Januar treffen, sondern weiter im grossen Stil intervenieren und dann ein oder zwei Monate später rausgehen müssen? Das hätte verheerende Folgen für die Schweiz gehabt, verheerende Folgen auch für die Nationalbank, und sie wäre nie mehr in der Lage gewesen, in kurzer Frist wieder eine wirksame Geldpolitik zu betreiben.»

Er fügt an: «Wir wussten, dass die Aufwertung Auswirkungen haben wird. Wir wussten aber auch, dass ein Nicht-Entscheid, Angst haben vor dem Entscheid, noch viel grössere Auswirkungen auf die Schweiz haben wird.»

Der Hintergrund: Anfang Januar 2015 war klargeworden, dass die Europäische Zentralbank EZB ein Anleihen-Kaufprogramm starten würde. Bis heute schiesst sie, wenn auch nicht mehr 80, aber noch 30 Milliarden Euro monatlich Liquidität in die Märkte.

Wir hätten eine explosive Situation in unserer Bilanz gehabt.

Thomas Jordan sah keine andere Option, als den Franken vom Euro zu lösen: «Die Welt hat sich im Januar 2015 in ganz kurzer Zeit rasant verändert. Der Euro hat gegenüber allen Währungen sehr stark verloren. Wir hatten vorher eine isolierte Frankenstärke, und dann sind wir in eine allgemeine Euro-Schwäche übergegangen.»

Hätte man den Euro bei 1,20 belassen, hätte man gegenüber den anderen Währungen verzerrte Wechselkurse gehabt. «Beispielsweise gegenüber dem Dollar wären wir nicht mehr überbewertet, sondern möglicherweise unterbewertet gewesen. Und alle Teilnehmer im Finanzmarkt hätten sofort realisiert, dass das nicht nachhaltig ist und hätten Franken gekauft. Wir hätten eine explosive Situation in unserer Bilanz gehabt und dann später nach Hunderten von Milliarden aussteigen müssen, ohne dass wir etwas dafür bekommen hätten.»

Thomas Jordan vor Mikrofonen.
Legende: «Beschlossen, den Mindestkurs von 1,20 Franken zum Euro per sofort aufzuheben»: Thomas Jordan vor den Medien. SRF

Kritik von aussen, 2015 falsch oder panisch gehandelt zu haben, begegnet Thomas Jordan mit diesen Worten: «Es war das Gegenteil von Panik, wir haben sehr ruhig überlegt: Was ist die Ausgangslage? Was sind die Optionen? Keine dieser Optionen war angenehm.» Man habe sich für das Beste für das Land entschieden.

SNB-Präsident relativiert Aufwertung

Der Nationalbank-Präsident relativiert zudem die starke Aufwertung des Schweizer Frankens. Man müsse den realen Wechselkurs betrachten. Dieser lasse sich wie folgt bestimmen: «Man nimmt alle Wechselkurse, gewichtet sie mit dem Exportanteil und schaut, wie die Inflationsdifferenzen zwischen den Ländern sind. Das ist der Wechselkurs, der in der Gesamtheit auf die Wirtschaft wirkt.»

Man könne dann erkennen, dass die Bewegungen deutlich geringer gewesen seien. «Der Durchschnitt der Periode des Mindestkurses verglichen mit der ersten Hälfte von 2015 gibt etwa eine Differenz von sechs Prozent. In der zweiten Hälfte von 2015 gab es bereits eine Korrektur, und der Unterschied war noch drei Prozent. Das ist eine markante Aufwertung, aber die Dimension ist natürlich nicht diese 20 Prozent, die kolportiert werden.»

Heute steht der Schweizer Franken bei 1,18 – und nähert sich damit wieder dem Wert des Mindestkurses. In den Augen der Nationalbank ist er damit weiterhin hoch bewertet.

Legende:
Euro-Franken-Kurs seit Aufhebung des Mindestkurses finanzen.ch

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4 Kommentare

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  • Kommentar von M. Kaiser (Klarsicht)
    Fortsetzung : Wenn der Sparer nun EURO kauft - kann er an der Abwertung des Frankens endlich mitverdienen -nicht nur die Banken und Herr Jordan mit der NB - als Sparer verliere ich durch die bestehende NULL -ZINS -Politik und Abwertung des Frankens täglich an meinem realen Spar-Wert den ich einmal zu Einlagezeiten besass ! Das kann doch nicht rechtens sein oder ? Was sagt der Bundesrat dazu ? Was sagen die Sparer dazu ? Ich finde das keine gute Demokratie wo nur eine Seite mit meinem Geld arb. !
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    1. Antwort von M. Kaiser (Klarsicht)
      Dass ich so viele Ablehner besitze ehrt mich und zeigt mir, wie viele Banker das lesen und fest dagegen Voten. Wer jedoch zwischen den Zeilen lesen kann, wird den Kern erfassen. Danke an die Damen und Herren die meine Aussage bestätigt haben.
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  • Kommentar von M. Kaiser (Klarsicht)
    Dann muss aber der BR und die Regierung in Bern endlich den NULL -ZINS -Zustand für die Spargelder des Büezers dringend aufheben ! Denn die Gefahr für die Frankenflucht, die damals für die Einführung der NULL -ZINS - Politik für Spargelder empfohlen wurde und besonders von Herrn Jordan durchgesetzt wurde -ist doch nun vorbei ! Auf was müssen wir Sparer denn noch warten ? bis der Franken einen halben EURO noch Wert besitzt ? Dann sagt es uns gleich - wir kaufen anschliessend sofort EURO !
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    1. Antwort von Beat Reuteler (br)
      Die Zinspolitik hat nach wie vor mit der Attraktivität des Frankens zu tun. Auch wenn er sich gegenüber dem € dem damaligen Mindestkurs nähert ist er doch immer noch gewaltig überbewertet. Eine Anhebung des Leitzinses würde die Attraktivität weiter erhöhen und den Franken weiter von der Kaufkraftparität wegdrücken.
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